Auf der Suche nach dem Mount Everest (II)

Den Plan westlich des Everest Basecamp Treks zum Berg Gokyo Ri zu wandern haben wir zwischenzeitlich verworfen. Unser neues Ziel heißt Dzongla. Ein Aussichtspunkt, einen halben Tagesmarsch vom Trek entfernt, verspricht beste Blicke auf das Everest-Massiv.

Tag 4: Von Namche Bazaar (3.420m) nach Tengboche (3.870m) – Gehzeit: 6 Stunden

Namche Bazaar ist einfach nur schrĂ€g – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Dorf schmiegt sich U-förmig an einen Berghang. Gerade Straßen bzw. Wege gibt es nicht. Es geht entweder nur rauf oder eben runter. Wir mĂŒssen natĂŒrlich rauf. Um halb acht Uhr morgens machen wir uns auf den Weg und schnaufen uns die ersten paar hundert Meter hinaus aus Namche Bazaar. Nach ca. einer halben Stunde hat man das Schlimmste zunĂ€chst hinter sich. Der Weg schlĂ€ngelt sich entlang des Berges und bietet immer wieder fantastische Ausblicke auf schneebedeckte Gipfel. Als wir um eine Kurve biegen, ragen vor uns zwei riesige Felsmassive auf. Dazwischen eine große dicke Wolke. Zum Spaß frage ich einen der Guides, welcher der Berge nun denn der Mount Everest sei. Er blickt mich etwas mitleidig an und klĂ€rt mich auf, dass dieser sich genau hinter der dunklen Wolke befinde. Aber dafĂŒr könne man ja den Lhotse zu seiner Rechten sehr gut erkennen. War ja klar. Wenn es mein Ziel ist, endlich den Everest zu sehen, dann versteckt der sich natĂŒrlich als einziger in einer Wolke. Der grĂ¶ĂŸte Berg der Welt scheint ein eher schĂŒchterner Typ zu sein, denn auch den ganzen Rest des Tages hĂŒllt er sich weiterhin in weißgrauen Dunst.

Rechts der Lhotse. Hinter der Wolke: Der Mount Everest.

Rechts der Lhotse. Hinter der Wolke: Der Mount Everest.

Nichtsdestotrotz ist die Kulisse hervorragend zum Wandern und dank der sanften Steigung des Weges kommen wir auch nicht aus der Puste. Nach ein paar Stunden fĂŒhrt der Weg steil hinab zum Fluss Dudh Kosi. Im Dorf Sanasaa genehmigen wir uns im HĂ€uschen einer Ă€lteren Frau ein zweites FrĂŒhstĂŒck. Im Haus selbst sieht es aus wie in einem Sherpa Museum. Es gibt keine richtige Toilette, sondern nur ein Loch im Fußboden. Die KĂŒche ist aus Lehm und wird mit Holz befeuert. Nach vier Tagen wandern, sind wir mittlerweile heiß auf Kohlenhydrate und bestellen uns eine Portion gekochte Kartoffeln mit Butter und Salz. Diese werden mir von der netten Dame prompt serviert: UngeschĂ€lt, zusammen mit einem Messer und der freundlichen Aufforderung, ich solle doch nun selbst die Kartoffeln von ihrer Schale befreien. Da ich darauf natĂŒrlich weniger Lust habe, gebe ich ihr zu verstehen, dass ich der Meinung sei, das SchĂ€len sei im Preis von immerhin drei Euro schon enthalten. Kichernd fĂ€ngt sie darauf hin an, die Kartoffeln mit ihrem langen, schmutzigen Daumennagel zu pellen. HĂ€tte ich das doch bloß einfach selbst gemacht.

Die traditionelle Sherpa-KĂŒche. Unsere Kartoffeln sind auch schon fertig.

Die traditionelle Sherpa-KĂŒche. Unsere Kartoffeln sind auch schon fertig.

Auf diesem Klo sollte man gut zielen können

Auf diesem Klo sollte man gut zielen können

Um nach Tengboche zu gelangen, mĂŒssen wir uns von Sanasaa aus zwei Stunden lang 600 Höhenmeter steil nach oben quĂ€len. Der Weg liegt kaum im Schatten und die Sonne brennt unbarmherzig auf uns nieder. Immer wieder mĂŒssen wir kurze Pausen einlegen, um zu trinken, zu verschnaufen und dicke Schichten Sonnencreme aufzutragen. Oben angekommen verschlechtert sich das Wetter schlagartig. Es fĂ€ngt an, in Strömen zu regnen und wir quartieren uns schnell in einer Lodge gegenĂŒber des Klosters von Tengboche ein. Dort lernen wir Jonas aus Belgien kennen. Er möchte in der kommenden Woche den Lhotse besteigen und kommt gerade vom Mount Everest Basecamp, um sich in Tengboche von einer ErkĂ€ltung zu erholen. Von ihm erfahren wir, dass eine Mount Everest Besteigung im billigsten Fall 35.000 Euro kostet. Eine Besteigung des Lhotse ist schon fĂŒr 15.000 Euro zu haben. Jonas erzĂ€hlt auch, dass es im Basecamp prinzipiell alles gibt, was das Herz begehrt, sofern man das nötige Kleingeld aufbringen kann. Sogar einen Whirpool gibt es dort, der beim Erdbeben im vergangenen Jahr aber fĂŒr einige Bergsteiger zur Todesfalle wurde. Sie haben beim Baden die herannahende Lawine nicht gesehen.  Jonas lĂ€dt uns zu seinem Lager ins Basecamp ein und verspricht uns, uns nĂ€her an den berĂŒchtigten Khumbu-Eisfall heranzufĂŒhren. Die 600 Meter hohe Abbruchkante des Khumbu-Gletschers fasziniert mich. Diese Stelle zĂ€hlt zu den gefĂ€hrlichsten Passagen fĂŒr die Bergsteiger, denn sie lebt! TagsĂŒber ist sie durch die wĂ€rmende Sonne stĂ€ndig in Bewegung und kann daher nur nachts, wenn sie gefriert, passiert werden. Mit Jonas freundlicher Einladung haben sich auch unsere PlĂ€ne schlagartig wieder verĂ€ndert. Wir wollen nun doch versuchen, zum Basecamp zu laufen und die Aussicht auf den Everest von Dzongla aus erst auf dem RĂŒckweg genießen. WĂ€hrend Jonas seine spannenden Berggeschichten erzĂ€hlt, bessert sich das Wetter wieder und wir verbringen den Rest des Tages draußen vor dem Kloster und genießen die beeindruckende Aussicht auf die Berge.

Kloster Tengboche

Kloster Tengboche

Blick von Tengboche auf den Ama Dablam

Blick von Tengboche auf den Ama Dablam

Tag 5: Von Tengboche (3.870m) nach Periche (4.270m) – Gehzeit: 5 Stunden 

Um kurz nach sechs klingelt heute der Wecker. Das Aufstehen fĂ€llt uns schwer. Im Zimmer ist es eiskalt. Schnell schlĂŒpfen wir in unsere Wanderklamotten. Mit klappernden ZĂ€hnen versuche ich selbige irgendwie zu putzen. Nach einem schnellen FrĂŒhstĂŒck schnĂŒren wir unsere Stiefel und es geht weiter. Zum GlĂŒck mĂŒssen wir heute keine allzu steilen Höhenunterschiede bewĂ€ltigen. ZunĂ€chst fĂŒhrt der Weg durch einen kleinen Rhododendron-Wald bevor es ĂŒber einen Fluss und schließlich etwas steiler entlang eines Felshanges nach oben geht. Wir lassen uns Zeit, genießen die EindrĂŒcke. Immer wieder kreuzen Yaks unseren Weg, die ihre schwere Ladung in das Basecamp schleppen.

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Yaks transportieren Gasflaschen und ihr eigenes Futter

Yaks transportieren Gasflaschen und ihr eigenes Futter

Im kleinen Örtchen Orsho legen wir eine verfrĂŒhte Mittagspause ein. Beim Essen unterhalten wir uns mit einer kleinen Gruppe EnglĂ€nder, die gerade auf dem RĂŒckweg vom Basecamp ist. Auf die Frage, welcher Teil des Weges denn der anstrengendste sei, antwortet mir eine der Frauen, dass die letzten beiden Tage fĂŒr sie die schlimmste QuĂ€lerei gewesen wĂ€ren. Zu diesem Zeitpunkt kann ich das nicht glauben. An den letzten beiden Tagen legt man schließlich jeweils nur ca. 200 Höhenmeter zurĂŒck. Ein Spaziergang sozusagen. Bevor wir den höchsten Punkt unseres heutigen Tages, den Periche Pass, auf 4.270 Metern erreichen, mĂŒssen wir noch durch eine Art Everest-Mausoleum wandern: Ein Plateau mit zahlreichen Felsbrocken, auf denen die Namen verunglĂŒckter Bergsteiger verewigt wurden. Der Nebel und der gespenstische Wind verleihen dem Ort eine gruslige Melancholie und ich bin froh, als wir endlich den Pass erreichen. Zwar ist das Wetter noch nicht wirklich einladender, die fröhlich im Wind flatternden GebetsfĂ€hnchen sorgen aber gleich wieder fĂŒr bessere Stimmung. Von hier oben sehen wir auch schon unser Tagesziel Periche.

Periche Pass

Periche Pass

Blick vom Pass auf das Dorf Periche

Blick vom Pass auf das Dorf Periche

Dort finden wir eine richtige schöne, gemĂŒtliche Lodge und ich gönne mir fĂŒr fĂŒnf Euro eine letzte Dusche auf ĂŒber 4.000 Metern. Im Restaurant der Lodge treffen wir auf die polnische Ärztin Bashia. Sie will auch demnĂ€chst den Mount Everest besteigen, findet die ZustĂ€nde im Basislager aber so furchtbar, dass sie fĂŒr ein paar Tage abgestiegen ist, um sich mal wieder richtig aufzuwĂ€rmen und etwas Ordentliches zu essen. Den ganzen Abend beschwert sie sich fĂŒrchterlich ĂŒber das schreckliche Essen am Berg und die schlechte Organisation durch ihre Agentur. Lustigerweise stellen wir fest, dass sie im gleichen Team wie der Belgier Jonas ist, den wir in Tengboche kennengelernt haben.

Tag 6: Akklimatisierungstag in Periche

Wieder legen wir einen Tag Pause ein, um uns an die Höhenluft zu gewöhnen. Bei Michi machen sich die ersten Anzeichen des einsetzenden Sauerstoffmangels bemerkbar: Er kann kaum noch schlafen und wacht nachts immer wieder nach Luft schnappend auf. Ich merke davon zum GlĂŒck nichts. Wenn ich etwas gut kann, dann schlafen. Immer und ĂŒberall. Man gebe mir eine Decke und ich kann normalerweise sofort loslegen. Daran soll sich auch in den nĂ€chsten Tagen nichts Ă€ndern. Im Nachbarort Dingboche soll es angeblich eine hervorragende französische BĂ€ckerei geben und wir sind uns sicher, dass ein oder zwei StĂŒcke Kuchen sicherlich hervorragend zu einer gesunden Akklimatisierung beitragen. Michi bestellt zusĂ€tzlich noch eine Portion Schlagsahne. Als der Kuchen dann in seinem Sahnebett serviert wird, stellen wir fest, dass es sich um geschlagenes Eiweiß handelt und schicken Stoßgebete zum Himmel, Montezuma möge uns auch diesmal mit seiner Rache verschonen. Trekken mit Salmonellenvergiftung stellen wir uns nĂ€mlich eher suboptimal vor. Doch wider erwarten ĂŒberstehen wir die wunderliche „Sahne“ unbeschadet.

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French Bakery in Dingboche

Am Nachmittag besuchen wir die Klinik von Periche – die letzte ihrer Art auf dem Weg zum Mount Everest. Beim Vortrag zum Thema „Höhenkrankheit“ sind wir die einzigen Besucher und kommen daher in den Genuss einer anschließenden PrivatfĂŒhrung durch die spĂ€rlichen RĂ€ume der kleinen Krankenstation. Wir erfahren, dass die auslĂ€ndischen Ärzte dort drei Monate lang kostenlos Dienst leisten und als „Dankeschön“ nur einmal am Tag fĂŒr zwei Stunden den Ofen in ihrem Aufenthaltsraum anheizen dĂŒrfen. Eine seltsame Art, mit seinen freiwilligen Helfern umzugehen. Diese freuen sich verstĂ€ndlicherweise schon alle sehr auf ihr warmes Zuhause in Puerto Rico, den USA und Indonesien. ZurĂŒck in unserer Unterkunft lernen wir immer mehr Leute kennen, die den ganzen Weg zum EBC gewandert sind und begeistert erzĂ€hlen. Darunter auch Phil aus Deutschland, der in Lukla einen verletzten Hundewelpen aufgegabelt hat und diesen schon bis zum Basecamp und wieder zurĂŒck nach Periche getragen hat. SpĂ€ter erfahren wir, dass Phil seinen flauschigen neuen Freund nicht mit ins Flugzeug nehmen durfte und sich deswegen kurzerhand einen Helikopterflug nach Kathmandu gegönnt hat. Wie schnell sich so ein einfaches nepalesisches Hundeleben doch zum großen Abenteuer entwickeln kann!

Tag 7: Von Periche (4.270m) nach Lombuche (4.910m) – Gehzeit: 7 Stunden

Wir stehen erst gegen acht Uhr auf, schließlich liegen heute nur gerade einmal dreieinhalb Stunden Weg vor uns. Denken wir. TatsĂ€chlich zieht sich sich die Strecke bis Lomgbuche ĂŒber satte sieben Stunden. Bei strahlendem Sonnenschein wandern wir zuerst durch das breite flache Tal von Periche, bevor wir langsam Richtung Gletscher aufsteigen. Mittlerweile ist die Strahlung so stark, dass wir unsere Gesichter nicht mehr nur dick mit Sonnencreme einschmieren, sondern sie zusĂ€tzlich noch gĂ€nzlich mit MĂŒtze, Schal und Sonnenbrille bedecken, um bloß keinen Gletscherbrand zu bekommen. Ich musste diese Erfahrung leider vor ein paar Jahren machen und scheue die Bergsonne seither, wie der Teufel das Weihwasser. Immer wieder mĂŒssen wir stehen bleiben, da Michi die Höhe bereits deutlich spĂŒrt und Verschnaufpausen einlegen muss.

Der Aufstieg Richtung Dhougla

Der Aufstieg Richtung Dhougla

Um die Mittagszeit erreichen wir den Ort Doughla, am Fuße der steilsten Passage des Tages. In einer Lodge treffen wir auf ein PĂ€rchen aus DĂ€nemark. Die junge Frau liegt auf einer Bank und kĂ€mpft mit der Übelkeit. Ihr Freund erzĂ€hlt uns, dass sie mittlerweile so höhenkrank ist, dass die beiden in jedem Ort eine Nacht zur Akklimatisierung einlegen mĂŒssen. Auch ein junger italienischer Arzt und seine Freundin sind im Restaurant. Er betreibt ein ganz besonderes Experiment: Um zu beweisen, dass es unschĂ€dlich ist, raucht er fĂŒnfmal am Tag einen Joint und misst jeweils vorher und nachher seinen Blutdruck und den Puls. Dass seine Freundin, die nicht raucht, schon tiefblaue Lippen hat, ist ihm dabei jedoch offenbar entgangen. WĂ€hrend wir essen, schlĂ€gt wieder einmal das Wetter um. Den steilen Aufstieg nach Lombuche legen wir in immer dichter werdendem Schneegestöber zurĂŒck.

Im Hintergrund Doughla. Der steilste Aufstieg ist geschafft.

Im Hintergrund Doughla. Der steilste Aufstieg ist geschafft.

Oben angekommen quartieren wir uns in der Eco Lodge ein. Es ist bitterkalt. Alle GĂ€ste sitzen mit dicken Daunenjacken und MĂŒtzen im Restaurant, wĂ€hrend die Belegschaft versucht, den Ofen zu heizen. Doch irgendetwas stimmt mit dem Ding nicht und plötzlich schießen dicke Rauchschwaden in den Raum, die wunderbar nach Yakmist stinken. Der Kamin ist verstopft. Nachdem wir in der Klinik in Periche gelernt haben, dass Kohlenmonoxidvergiftungen in Nepal nicht ungewöhnlich sind, treten wir lieber den RĂŒckzug an und wechseln in eine andere Lodge. Dort ist es bereits schön warm. Wir kommen mit unseren Tischnachbarn ins GesprĂ€ch und, welch ein Zufall, zwei von ihnen kommen aus Österreich und einer aus Simbach am Inn – eine kleine Stadt in der NĂ€he unseres Heimatortes Passau. Als wir spĂ€ter schon auf dem Weg ins Bett sind, kommt die junge Österreicherin nochmal zu uns ins Zimmer und drĂŒckt uns ein kleines PĂ€ckchen in die Hand. „Das brauchen wir nimmer und ihr zwei Weltreisenden freut euch sicher darĂŒber“, grinst sie uns an und verschwindet wieder. Der Inhalt des PĂ€ckchens ist fĂŒr uns wie Weihnachten und Ostern zusammen: MĂŒhlviertler GerĂ€uchertes! Ich werde es in den nĂ€chsten Tagen hĂŒten wie meinen Augapfel und male mir schon die tolle Brotzeit aus: mit Yak-KĂ€se, Brot aus der deutschen BĂ€ckerei in Phakding und importierten Essiggurken aus dem Supermarkt in Kathmandu.

Lombuche

Lombuche

Tag 8: Von Lombuche (4.910m) nach Gorak Shep (5.140m) – Gehzeit: 4 Stunden

Die Nacht war unruhig und bitterkalt. Sogar Michi hat mit langer UnterwĂ€sche und MĂŒtze geschlafen. Ich habe zusĂ€tzlich noch meine Daunenjacke angezogen. Als wir aufwachen, sind die Fenster unseres Zimmers von innen angefroren. Mittlerweile haben wir uns seit drei Tagen nicht mehr gewaschen. Ich fange langsam an, mich vor mir selbst zu ekeln. Vor allem habe ich den Ratschlag meiner Freundin Sandra befolgt, die gerade mit ihrem Freund durch SĂŒdamerika wandert, und meine Kleidung mit in den Schlafsack genommen, damit sie morgens nicht so kalt ist. Dies hat zwar super funktioniert, dafĂŒr riecht mittlerweile Alles nach alten Socken. Jetzt wissen wir auch, warum es in den UnterkĂŒnften nur getrennte Betten gibt. Es reicht, wenn man sich selbst riecht. Damit uns wĂ€rmer wird, machen wir uns zĂŒgig auf den Weg und legen die erste halbe Stunde im Eiltempo zurĂŒck.

Aufbruch von Lombuche

Aufbruch von Lombuche

Kaum haben wir die 5.000 Meter Marke ĂŒberschritten, trifft es mich wie ein Schlag: Mir wird ĂŒbel, meine Beine zittern, in meinem Magen rumort es und mein Kopf fĂ€ngt an zu schmerzen. Ich kann nicht weiter laufen, brauche eine Pause. Nach zehn Minuten, meine ich weiter zu können, doch schon kurze Zeit spĂ€ter geht nichts mehr. Jetzt sind wir doch schon so weit gekommen! Ich möchte nicht umkehren! Michi ĂŒberredet mich schließlich, eine Tablette gegen Höhenkrankheit zu nehmen. Sogar meinen Rucksack will er tragen, doch das will ich selbst schaffen. Ich versuche es erneut. Schleppend und keuchend arbeiten wir uns voran. In den vergangenen Tagen lief mein Geist beim Wandern auf Hochtouren und ich habe mich oft geĂ€rgert, das ich kein Notizbuch bei mir hatte, um alle meine Ideen darin festzuhalten. Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich nur noch einen Gedanken aufbringen kann: Linker Fuß. Rechter Fuß. Jeder Schritt wird zur Überwindung. Dabei ist der Weg relativ eben und vor allem wunderschön. Die Landschaft ist karg, Geröll und Schotter sĂ€umen den Weg. Neben uns verlĂ€uft der Khumbu-Gletscher. Doch ich habe kaum einen Blick dafĂŒr und kĂ€mpfe mit stĂ€ndig wiederkehrender Übelkeit. FĂŒr die Strecke nach Gorak Shep sind eigentlich nur zwei Stunden angesetzt. Wir benötigen die doppelte Zeit, weil ich immer wieder stehen bleiben und um Fassung und vor allem Luft ringen muss.

Der Khumbu-Gletscher

Der Khumbu-Gletscher

Als wir endlich Gorak Shep erreichen, sehe ich offensichtlich so mitgenommen aus, dass sich sogar die Sherpas in der Lodge ein wenig um mich sorgen. Die meisten Trekker machen in Gorak Shep nur kurz Halt, um eine Kleinigkeit zu essen und sich dann gleich auf den Weg zum Basecamp zu machen. FĂŒr mich ist hier jedoch erstmal Schluss. Ich wickle mich in meinen Schlafsack und ruhe mich im eiskalten Restaurant bei einem Tee aus. Morgen entscheide ich, ob ich weitergehen kann. Auch Michi ist ziemlich erschöpft und verspĂŒrt keinen allzu großen Drang, heute noch weiter zu gehen. Wie zur BestĂ€tigung zieht ein schlimmer Schneesturm auf und wir sind froh, nicht auch noch das letzte WegstĂŒck in Angriff genommen zu haben. In unserer Unterkunft gibt es kein fließendes Wasser. Nicht mal einen Bottich zum HĂ€ndewaschen, nachdem man auf der Toilette war. Wir haben Handdesinfektionsmittel dabei, doch womit sich die Leute, die abends unser Essen zubereiten, die HĂ€nde waschen, wollen wir lieber nicht so genau wissen. Auch als unsere Bedienung spĂ€ter mit bloßen HĂ€nden den Ofen bis zum Rand mit Yakmist vollstopft und uns kurz darauf das Essen serviert, beschließe ich einfach, dass es in dieser KĂ€lte hier oben keine ekligen Viren oder Bakterien geben kann. GlĂŒcklicherweise erhole ich mich im Laufe des Nachmittags immer mehr und werde wieder zuversichtlich. Morgen ziehen wir es durch. Die letzten 200 Höhenmeter zum Basecamp kriegen wir jetzt bestimmt auch noch hin.

3 Kommentare zu “Auf der Suche nach dem Mount Everest (II)

  1. Dennis

    Klasse geschriebener Reisebericht. Eine spannende Fortsetzung des ersten Teils. Freue mich auf den dritten Teil. Gute Reise weiterhin!

  2. Angelika Schaden

    Wir starten in 2 Monaten (April) genauso wie Ihr, erst Poon Hill dann Lukla – bis wohin wir auch immer ohne Schwierigkeiten kommen mögen. Wir sind immerhin schon Oldies 69 und 70.
    Derzeit trainiere ich brav in einem Fitness Studio, mein Mann ein ehem. Sportler schafft das sowieso.
    Jedenfalls höhentauglich sind wir, das wissen wir aus den Anden, aber Euer Reisbericht macht uns ordentlich Lust.

    1. Micha Autor des Beitrags

      Das freut uns zu hören. Wir wĂŒnschen euch ganz viel Spaß! FĂŒr uns war auf dem Trek eigentlich die Höhe und die KĂ€lte das grĂ¶ĂŸte Problem. Wir haben es auch unterminiert gut gemeistert.

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