Indiens freundlicher Süden

Zugegeben: Von den 29 indischen Bundesstaaten haben wir erst vier besucht, doch in Kerala zeigt sich der Subkontinent bisher von seiner freundlichsten Seite. Allerdings aber auch von seiner heißesten. Selbst nachts herrschen im Schrödinger Temperaturen von über 30 Grad und als ob das noch nicht genug wäre, halten uns auch die unzähligen Mücken regelmäßig vom Schlafen ab. Zum Glück gibt es in Indien jedoch sogenannte „Hill Stations“. Diese wurden zu Zeiten der Kolonialherrschaft von den Briten eingerichtet und liegen meist in waldreichen Gebieten über 1.000  Metern. Die Hill Stations dienten in den heißen Sommermonaten als kühle Rückzugsorte für höhere Militärs und Zivilbeamte. Wir suchen uns für unsere kurze Flucht vor der Hitze die kleine Stadt Munnar, mit ihren unzähligen Teeplantagen aus.

Kurz vor Munnar knallt es

Doch der Weg dorthin ist ganz schön anstrengend. Wir werden nachts von ein paar Jugendlichen, die einfach mal ein paar Ausländer erschrecken wollen, aus dem Schlaf gerissen, streifen ein TukTuk und der Schrödinger nimmt in einem Dorf einfach eine Festtagsdekoriation mit. Wie peinlich! Zum Glück reagieren die Dorfbewohner recht gelassen und helfen uns sogar dabei, dem Schrödinger die Girlanden wieder zu entwinden. Gut 100 Kilometer vor Munnar tut es dann auch noch einen lauten Knall. Das kleine Auto vor uns macht einen ordentlichen Satz nach vorn. Oh je! Waren wir das etwa?! Sofort bildet sich eine Menschentraube. Auch die Polizei ist schon da. Die Kofferraumtür des Kleinwagens vor uns hat eine unschöne Beule. Mist! Zum Glück ist niemand verletzt. Dummerweise sprechen weder die Insassen des Kleinwagens noch der anwesende Polizist Englisch und wir malen uns schon in den schlimmsten Farben aus, was uns nun blüht. Doch wie so oft auf unserer Reise springt uns plötzlich jemand zur Seite. „Don´t worry!“ lacht es uns entgegen und der wildfremde Mann fängt an, mit dem Kleinwagenbesitzer zu diskutieren. Wir bekommen mit, dass dieser 3.000 Rupien als Entschädigung von uns haben möchte. Noch während ich ausrechne, welches Loch das nun wieder in unsere Reisekasse reißen wird, hat unser Helfer den Preis auf 1.500 Rupien heruntergehandelt. Und so zahlen wir schließlich für einen Schaden, der uns in Deutschland gut 2.000 Euro gekostet hätte, stolze 20 Euro. Was für ein Glück! Erleichtert steigen wir wieder in unser Auto und müssen schmunzeln, als wir anhand der Visitenkarte, die uns unser Helfer noch in die Hand drückt, feststellen, dass dieser für die Allianz in Indien arbeitet.

Als wir schließlich in Munnar ankommen, verursachen wir beim Tanken abermals einen riesigen Menschenauflauf. Während Michi versucht, ein paar Liter Diesel in unseren Tank zu bekommen, versuche ich, alle Fragen der Lokalreporter zu beantworten, die sich zwischenzeitlich um den Schrödinger versammelt haben. Manchmal befürchte ich wirklich, dass wir Zuhause Minderwertigkeitskomplexe bekommen werden, wenn sich auf einmal niemand mehr für uns interessiert.  Im örtlichen Busdepot finden wir schließlich zwischen Reisebussen und Taxifahrern einen sicheren Stellplatz für 100 Rupien am Tag und freuen uns wie die Kinder, als wir nach Einbruch der Dunkelheit sogar ein wenig anfangen, zu frieren. Wir ziehen uns die Decken bis an die Nasenspitzen und schlafen in dieser Nacht seit langem endlich einmal wieder richtig lange und vor allem gut. Munnar selbst ist eigentlich eine ziemlich schmuddelige Kleinstadt, doch wir fühlen uns hier sehr wohl. Der Schrödinger ist zwischen den freundlichen Taxifahrern, die immer ein Auge auf ihn haben, bestens aufgehoben und wir können die Zeit nutzen, um die wunderschöne Gegend zu erkunden. Wir wandern durch leuchtend grüne Teeplantagen, erklimmen einen Hügel und genießen früh morgens bei einem heißen Pfefferminztee die grandiose Aussicht.

Willkommen in Thekkady

Das angebliche Highlight von Munnar ist die Top Station auf 1.900 Metern Höhe. Doch als wir dort ankommen, erwarten uns nach drei Stunden nervenaufreibender Fahrt nur zahlreiche Stände, an denen man unter anderem Plastik-Maschinengewehre kaufen kann (die man dort natürlich dringend braucht) und ein Aussichtspunkt zu dem der Eintritt für Ausländer mehr als das dreifache kostet als für Inder. Diese lassen uns darüber hinaus auch noch kaum in Ruhe und so flüchten wir nach zahlreichen Selfies schließlich in unser Auto und hoffen auf bessere Zeiten. Daher verbringen wir an der Top Station nur eine Nacht und fahren am nächsten Tag ins 100 Kilometer entfernte Thekkady. Dort finden wir wieder einmal keinen Platz, auf dem uns jemand übernachten lassen möchte. Genervt ziehen wir unsere Kreise durch die kleine Stadt, als uns Ramesh anspricht. Er wisse einen schönen Platz gegenüber seines Guesthouses, an dem er schon im vergangenen Jahr zwei Overlander untergebracht hätte. Zwar sind wir etwas skeptisch, doch wir folgen ihm durch das typisch indische Getümmel bis zu einem kleinen Hotel, auf dessen Parkplatz uns schon Besitzer Khan freudig begrüßt. Wir dürfen bei ihm nicht nur kostenlos parken, sondern sogar Strom und WLAN nutzen. Was für ein Luxus! Über Ramesh buchen wir uns für Abends noch eine günstige Ayurveda-Massage. Leider verteilt die nette Masseurin, die ihren Spaß damit hat, dass ich ziemlich kitzlig bin, eine ordentliche Portion Öl in meinen Haaren und ich sehe trotz mehrmaliger Haarwäschen für die nächsten Tage aus, als hätte ich meine „Mähne“ seit Wochen sträflich vernachlässigt.

Das Klima in Thekkady ist angenehm, daher besuchen wir am darauf folgenden Tag noch den Periyar Nationalpark und ärgern uns, dass der Eintritt hier mehr als das dreizehnfache für Ausländer kostet. Wir machen eine Bootsfahrt durch den Park, sind schockiert, dass die Inder auch hier einfach ihre Plastikflaschen in den See werfen und die Affen mit Müll spielen.

Die Backwaters von Kerala

Ganz oben auf meiner Liste für Kerala stehen noch die Backwaters. Ein riesiges Wasserstraßennetz im Hinterland. Wir buchen zusammen mit den beiden Niederländern Magali und Hidde, die wir auf der Top Station von Munnar kennengelernt haben, ein kleines Boot und lassen uns einen Nachmittag durch die wunderschönen Kanäle schippern. Diese sind gesäumt von Kokosplantagen, Reisfeldern und kleinen Dörfern. Unser kleines Boot zieht vorbei an Frauen, die in den weitverzweigten Flüssen und Nebenarmen ihre Wäsche und sogar kleine Ziegen waschen. Diese finden das gar nicht so toll und meckern, was das Zeug hält. Von den großen Hausbooten aus winken uns indische Touristen und Kinder zu. Eine herrliche Auszeit von den stressigen Straßen Indiens. Den Abend lassen wir zusammen mit Magali und Hidde bei einer Runde Yoga und ein paar Gläschen indischen Weißweins ausklingen. Muss auch mal sein.

In Kerala begegnen uns die Menschen bisher am freundlichsten. Zwar sind auch sie sehr neugierig auf uns, doch sie begrüßen uns fröhlich und interessiert, sprechen mit uns und fragen nett um Erlaubnis, wenn sie sich das Innenleben vom Schrödinger anschauen möchten. So schließen wir viele Bekanntschaften. Ein besonderes Highlight für mich ist, dass gerne auch Frauen bei uns vorbei schauen und sich mit mir unterhalten möchten. Nach einem kurzen Schwätzchen bin ich dann meist auch gerne bereit, ihnen unser Zuhause zu zeigen. Normalerweise haben wir es in Indien jedoch fast ausschließlich mit Männern zu tun, die ziemlich forsch und fordernd auf uns zukommen und es offensichtlich als ihr gegebenes Recht ansehen, einfach in unsere Privatsphäre eindringen und sich dort umsehen zu können. Ich frage mich oft, wie sie wohl reagieren würden, wenn ich einfach ungefragt ihr ihr Haus gehen oder Michi ihre Frauen durch das Fenster anstarren würde.

Es knallt nochmal

Da es uns aber insgesamt zu heiß in Kerala ist, beschließen wir, nun schnellstmöglich den Weg in den kühleren Nord-Westen Indiens anzutreten. Doch wie so oft haben wir die Rechnung ohne den Schrödinger gemacht. Irgendwie ist ihm nicht so richtig wohl und egal, wie fest Michi das Gaspedal drückt, mehr als 50 Kilometer pro Stunde will er einfach nicht mehr fahren. Kein gutes Zeichen. In Kochi, der zweitgrößten Stadt Keralas machen wir eine Mercedes Werkstatt ausfindig. Als wir dort ankommen, ist der Übeltäter zunächst schnell gefunden: Der Turbolader ist mal wieder kaputt. Es ist bereits der Dritte, den der Schrödinger geschrottet hat, seit wir ihn gekauft haben. Michi muss den Turbo zu einem Reparaturservice in der Nähe bringen. In der Zwischenzeit ziehe ich mich mit einem Krimi in den Schrödinger zurück. Als das TukTuk für Michi ankommt, springt dieser nochmal schnell ins Auto, um irgendetwas aus dem Staufach über mir zu kramen. In meinem Gesicht tut es plötzlich einen dumpfen Schlag – ich sehe ein paar Sternchen. Eine unserer Campinggas-Kartuschen ist aus dem Staufach gekullert und mit genau zwischen die Augen geknallt. „Nicht so schlimm, blutet nur ein bißchen!“, höre ich meinen Mann wie aus der Ferne rufen, während er mir noch schnell eine Serviette auf den Schnitt auf meiner Nase drückt („Fest drauf drücken, dann hört´s bestimmt gleich auf!“) und mit dem TukTuk davondüst. Manchmal muss Mann eben Prioritäten setzen, denke ich mir noch, während ich mir selbst ein Pflaster auf die geschundene Nase klebe und mir ausmale, wie ich meine bessere Hälfte für die Verweigerung erster Hilfeleistung büßen lassen werde. Da ich zumindest in dieser Hinsicht sehr kreativ bin, erlöse ich ihn zwei Stunden später von meiner beleidigten Schweigsamkeit, indem ich mich zu einem teuren Friseur einladen lasse. Geht doch! Leider hält die Genugtuung nicht lange an, denn als mir die Friseurin kurze Zeit später das Handtuch vom Kopf nimmt, trifft mich fast der Schlag: Offenbar hat sie meine Bitte, den Haaransatz zu färben, nicht richtig verstanden – meine Haare wurden gebleicht und sind nun fast weiß!! Panisch laufe ich in den nächsten größeren Supermarkt, doch finde dort auf der Suche nach einer neuen blonden Farbe leider nur alle möglichen Schwarztöne. Geknickt versuche ich mir dieses „First-World-Problem“ einfach nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Michi versichert mir mehrmals, er würde mich „trotzdem“ lieben und ich bin froh, dass wir kurz vor der Reise noch geheiratet haben und ihm daher tatsächlich auch nichts anderes übrig bleibt.

Die Blumenkette des Grauens

Drei Tage später bekommen wir den Turbo zurück und können eine Testfahrt unternehmen. Doch leider keine Besserung. In der Werkstatt ist man erstmal ratlos. Nach diversen Tests stellt sich zuerst heraus: Die eingesaugte Blumenkette hatte weitreichendere Folgen, als vermutet. Die Blockade der Kühlventilatoren hat einen Kurzschluss verursacht und die Umwälzpumpe des Ladeluftkühlers endgültig lahmgelegt. Wir brauchen eine Neue, doch bei Mercedes in Kochi ist sie nicht auf Lager. Dieses Problem müssen wir erstmal vertagen. Aber auch einer der Sensoren, der den Luftdruck im Inneren des Krümmers misst, ist undicht und sorgt dafür, dass der Motor nicht mehr richtig beschleunigt. Nachdem der entsprechende Schlauch ausgetauscht wurde, gibt der Schrödinger wieder richtig Gas und wir können nach fast einer Woche unfreiwilligen Stopps in Kochi unseren Weg fortsetzen. Wie auch bei den letzten Turbo-Reparturen, hört sich der Schrödinger beim  Beschleunigen nun völlig anders an und wir haben jedes Mal das Gefühl, als hätten wir in den Super Pursuit Mode geschaltet, wenn Michi auf´s Gaspedal drückt. Wer unser Auto kennt, weiß, dass das eine ziemlich seltsame Kombination ist.

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