Ni Hao Schlödingel! Zurück in der Zivilisation

„Weißt du, eigentlich bin ich vor Grenzübertritten gar nicht mehr wirklich aufgeregt“, lamentiert Michi auf dem Fahrersitz vor sich hin. “Ist ja nicht so, dass sich Land und Leute auf von einem Kilometer auf den anderen plötzlich großartig unterscheiden würden.“

Keine zwei Stunden später stehen wir mit offnen Mündern am Grenzübergang zwischen Myanmar und China. Es ist, als blickten wir in eine andere Welt. Auf unserer Seite der Grenze ist es laut und staubig. Die Straße, kaum mehr als ein kläglicher Rest bröckelnden Asphalts, ist vollgestopft mit Autos und alten scheppernden Lastwägen. Männer und Frauen in ihren traditionellen Röcken transportieren Waren auf ihren Köpfen und natürlich blockieren alle möglichen Tiere immer wieder den Verkehr. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft. Das übliche Chaos eben.

Auf der anderen Seite der Grenze: Ruhe. Eine breite, sauber asphaltierte Straße, gesäumt von einer akkurat geschnittenen Baumreihe. Eine Straße mit Mittelstreifen! Und Ampeln! Da schau, es gibt sogar einen Bürgersteig und Straßenbeleuchtung!

Zwei weitere Stunden später spuckt uns die chinesische Grenzabfertigung ins Reich der Mitte. Da stehen wir nun in unseren schmutzigen Klamotten, die wir bereits seit über einer Woche tragen. Sie öfter zu wechseln, macht auf den monsungetränkten Matschpisten in Indien und Myanmar einfach keinen Sinn. Jetzt aber fühlen wir uns doch etwas „underdressed“, während wir mit unseren zerzausten Haaren und staubigen Gesichtern von einer Schar neugieriger und schick gekleideter Chinesen beäugt werden. Begleitet von vielen „Oh´s“ und „Ah´s“ werden Fotos von den seltsamen Fremden mit ihren noch seltsameren Autos geschossen. China, wir sind da! Es kann los gehen! Aber zuvor, lass mich bitte noch kurz nachsehen, ob sich bei uns im Schrank zwischen den Schlabberhosen und zerschlissenen T-Shirts noch ein paar halbwegs vorzeigbare Kleidungsstücke befinden.

Blick in eine andere Welt

Blick in eine andere Welt

Angekommen in China

Angekommen in China

Gleich an der Grenze nimmt uns unsere Reiseführerin Lisa in Empfang. Lisa sieht aus wie zwölf und für einen kurzen Moment machen wir uns ernsthaft Sorgen, ob wir mit dieser Tour durch China nicht etwa Kinderarbeit unterstützen. Vorsichtig frage ich sie nach ihrem Alter und sie teilt mir lachend mit, dass sie bereits 30 ist. „Ich bin klein, aber alt.“ Wir sind wieder beruhigt. Das Reise-Prinzip in China ist das gleiche wie in Myanmar. Wir dürfen uns nicht frei bewegen, sondern müssen auf einer vorgegebenen Route in Begleitung eines Guides reisen. 21 Tage lang geht es auf rund 3.500 Kilometern von Süd nach Nord, von Myanmar bis in die Mongolei. Zum Glück sind wir aber diesmal nicht gezwungen, die Nächte in Hotels zu verbringen. Guide Lisa hat sogar ein Zelt dabei, so dass wir hauptsächlich im Schrödinger schlafen können.

Doch bevor es los gehen kann, muss noch einiges an Papierkram erledigt werden. Der Schrödinger braucht ein chinesisches Nummernschild, der Michi einen chinesischen Führerschein. Dafür müssen beide erstmal zur Tauglichkeitsprüfung. Ob die beiden da durch kommen? Ich bin skeptisch. Doch außer, dass sich unsere Abfahrt um einige Stunden verzögert, weil der Drucker der chinesischen Führerscheinstelle kaputt ist, geht alles gut und wir machen uns am späten Nachmittag auf den zweitägigen Weg zur historischen Stadt Dali. Diese wurde leider in eine Art chinesisches Disneyworld verwandelt. In den alten, typisch chinesischen Häusern drängen sich laute Souvenirshops und Imbiss-Stände. Überall blinkt und singt es. Massen an einheimischen Touristen schieben sich, bewaffnet mit neonfarbenen Selfie-Sticks und überdimensionalen Sonnenhüten, durch die engen Gassen. Etwas desillusioniert fragen wir Lisa, ob alle historischen Städte auf unserer Reiseroute so aussehen. Die Antwort lautet leider „ja“. Doch Lisa kennt einen Geheimtipp und disponiert einfach kurzerhand um. Wir lassen die Touristenattraktion Lijang links liegen und fahren zu einer kaum besuchten kleinen Stadt in der Nähe.

Menschenmassen in Dali

Menschenmassen in Dali

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Dort parken wir fünf Minuten entfernt von einer schnuckeligen kleinen Altstadt auf einem großen Betonplatz. Abends treffen sich hier Groß und Klein zum gemeinsamen Fußball- oder Badminton spielen, Tanzen oder einfach nur Plaudern. Genau unser Ding. Tagsüber schlendern wir durch die kleinen Gassen des historischen Dorfabschnitts, abends beobachten wir das Bunte Treiben um uns herum. Wir können mitten drin sein im normalen Alltagsleben. Doch wir merken schnell: Eine wirkliche Kommunikation mit den Menschen in China ist so gut wie unmöglich. Die Sprachbarriere, in diesem Land ist sie ein schier unüberwindbares Hindernis. Niemand spricht auch nur ansatzweise ein paar Brocken Englisch. Wirklich niemand. Nicht einmal „Yes“ und „No“ wird verstanden. Selbst die Zeichensprache unterscheidet sich so eklatant von unserer, dass selbst Kleinigkeiten, wie der Kauf einer Flasche Wasser zur echten Herausforderung werden. Hinzu kommt: Wir können natürlich auch nichts lesen. Während wir uns noch wundern, dass hier niemand des Englischen auch nur halbwegs mächtig ist, sind die Chinesen selbst völlig verwirrt, wenn sie merken, dass wir ihre Sprache nicht beherrschen. Auf der anderen Seite des Globus, sieht man eben auch den Rest der Welt aus einer völlig anderen Perspektive.

Beschauliches Dorf in der Nähe von Lijang

Beschauliches Dorf in der Nähe von Lijang

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IMG_4086Unseren ersten Hochzeitstag verbringen wir, wie sollte es anders sein, auf einer kurvigen chinesischen Landstraße. Der Schrödinger will uns unser junges Liebesglück leider nicht so ganz gönnen und spuckt uns zur Feier des Tages auf halber Strecke erstmal eine ordentliche Ladung Öl vor die Füße. Eine Stunde lang verschwindet Michi einmal mehr kopfüber im Motorraum. Dabei sieht er offenbar so kompetent aus, dass ein Passant spontan stehen bleibt, ein paar chinesische Zeichen mit Telefonnummer auf einen Zettel kritzelt und ihn mir lachend und laut schnatternd in die Hand drückt. Später finden wir heraus, dass er Michi einen Job als Mechaniker angeboten hat. Gut, dass der nette Herr nie erfahren wird, welch großen Fehler er beinahe begangen hätte!

Die verräterischen Ölspuren führen zum Filtergehäuse. Michi füllt den bedenklich niedrigen Ölstand erstmal wieder auf, reinigt das Gehäuse und wir prüfen für die nächsten Stunden alle 15 Kilometer, ob nicht doch wieder Öl austritt. Zumindest an diesem Tag passiert es zum Glück nicht nochmal.

Abends wollen wir uns ein romantisches Dinner allein zu zweit, ohne Guide und den Rest der Reisegruppe gönnen. Doch, oh je, wie sollen wir nur was zu Essen bestellen? In den ersten Restaurants, die wir ansteuern, spricht natürlich wieder niemand Englisch und die Speisekarten sind alle ausschließlich auf chinesisch. Wir schrauben unsere Ansprüche an das romantische Ambiente herunter und machen uns auf die Suche nach einer Imbissbude, in der Hoffnung dort zumindest ein paar aussagekräftige Bilder an der Wand oder die Zutaten in einer Auslage zu finden. Wir werden natürlich nicht fündig. Schließlich entdecken wir doch noch ein leider etwas sehr teuer aussehendes Restaurant mit Bildern auf der Speisekarte. Egal, zum ersten Hochzeitstag kann man sich schon mal was gönnen.

Kaum sitzen wir, fällt uns auf, dass wir immer noch total ölverschmiert sind. Angemessenes Verhalten in der Zivilisation müssen wir wohl erst wieder lernen. Per Fingerzeig auf unseren Nachbartisch schaffen wir es, zwei Getränke zu bestellen. Als wir uns schließlich der Speisekarte widmen müssen wir leider feststellen, dass es sich bei den Bildern um ziemlich seltsame Speisen handelt: Schnecken, Hühnerfüße, Undefinierbares. Mist. Was nun? Ein paar Gäste bemerken unser Problem und plötzlich wird es in dem ziemlich gediegenen Restaurant sehr lustig. Wir werden von Tisch zu Tisch eingeladen, die Leute drücken uns Stäbchen in die Hand und wir dürfen überall mal probieren. Wir entscheiden uns schließlich für Schweinefleisch mit Gemüse und chinesische Pommes Frites mit einer ordentlichen Portion Chili. Klingt unspektakulär, hat uns aber sage und schreibe fast eine Stunde Kampf gegen die Sprachbarriere gekostet. Das Personal ist erleichtert und wir sind glücklich. Und stolz, dass wir es alleine hinbekommen haben. Wie, ist schließlich zweitrangig.

Als wir zahlen möchten, kommt die Bedienung an den Tisch und schüttelt immer wieder den Kopf. Was will sie nur? Vielleicht sollen wir zur Kasse gehen und dort zahlen? Als Michi aufstehen will, komplimentiert sie ihn wieder auf seinen Platz. Haben wir etwas falsch gemacht? Wir sind etwas ratlos. Die junge Frau zieht ein Smartphone aus der Tasche und liest auf Englisch langsam vor: „Ich zähle.“ Ah ok sie weiß nicht, was wir alles hatten! Wir fangen an, aufzuzählen und auf das Essen zu deuten. Sie schüttelt wieder den Kopf. Wieder wildes Tippen auf ihrem Smartphone. „Ich zähle für euch!“. Sie will uns einladen? Das kann doch gar nicht sein! „Warum?“, fragen wir sie völlig überrascht. Erneutes Tippen auf dem Smartphone. Langsam liest sie vor: „Wel-come to Chi-na!“.

Wir sind sprachlos. Vor Freude habe ich fast ein paar Tränen in den Augen. Die junge Frau setzt sich zusammen mit einer Freundin kurz zu uns an den Tisch und wir versuchen uns mit Hilfe des Handys ein wenig zu unterhalten. Zum Abschied drücken die beiden uns sogar noch ein Eis in die Hand. Dieses Erlebnis werden wir so schnell nicht vergessen! Auch nicht, dass sich neben dem Restaurant eine kleine Bar befindet, in der es tatsächlich deutsches Bier zu erschwinglichen Preisen gibt. Um diesen fast perfekten Tag abzurunden, gönnt sich Michi noch ein Erdinger Weißbier – Irgendwo, in einer der kleineren Millionenstädte von China.

Michi probiert sich durch

Michi probiert sich durch

Das Hochzeitstag-Menü

Das Hochzeitstag-Menü

Unsere Wohltäterinnen

Unsere Wohltäterinnen

Ohne Worte...

Ohne Worte…

In den nächsten Tagen steht erstmal Einiges an Sightseeing auf unserem Programm. Nummer eins auf der Liste ist die weltgrößte Buddhastatue in Leshan. Ein sehr spirituelles Erlebnis wird dies aber nicht, da wir früh morgens schon mit zigtausenden anderen Besuchern stundenlang vor der Statue anstehen müssen, bevor wir innerhalb von ein paar Minuten zum Fotos machen daran vorbeigeschoben werden. Hätten wir lieber mal eines der Boote genommen! Sie sind billiger als der Eintrittspreis und schippern einen gemütlich zusammen mit ein paar wenigen anderen Touristen schön gemütlich an der Statue vorbei.

Die größte Buddha-Statue der Welt

Die größte Buddha-Statue der Welt

In Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan, checken wir am späten Nachmittag in ein gemütliches Hostel ein. Zusammen mit Lisa besuchen wir am nächsten Morgen die Hauptattraktion der riesigen Stadt mit ihren rund 14 Millionen Einwohnern: Das Panda-Forschungszentrum. Wir haben großes Glück, dass wir genau in der Sommerzeit dort sind. Zwar halten sich die Pandas zu dieser Zeit hauptsächlich in den klimatisierten Räumen auf, doch ist dies genau die Zeit, in der sie ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Im Forschungszentrum kümmert man sich gut um die Tiere und so erblicken dort jedes Jahr viele der süßen Bärchen das Licht der Welt. Durch eine dicke Glasscheibe hindurch kann man sogar einen Blick in die „Babystation“ der Einrichtung werfen und frisch geschlüpfte Pandas bestaunen.

Allerdings sind sie kurz nach der Geburt erstaunlich klein und noch dazu ziemlich hässlich, wie wir feststellen müssen. Erst nach ein paar Wochen entwickeln sie das für Pandas typische schwarz-weiße Fell und sehen dann zugegebenermaßen wirklich herzallerliebst aus. Vor allem, wenn sie zusammengekuschelt in ihrem Laufstall liegen und schlafen. Wir gern würde ich mich dazu legen und den ganzen Tag Panda-Babys knuddeln!

Frisch geschlüpfter Panda

Frisch geschlüpfter Panda

Zu süß um wahr zu sein

Zu süß um wahr zu sein

Kaum zu glauben, dass die kleinen Bärchen einmal so groß werden

Kaum zu glauben, dass die kleinen Bärchen einmal so groß werden

Den Nachmittag verbringen wir mit Lisa und unternehmen eine ausführliche Shoppingtour durch Chengdu. Unsere zierliche kleine Reiseführerin ist ein echter Glückstreffer. Wir haben sehr viel Spaß mit ihr, vor allem, wenn sie versucht, uns doch noch ein paar Brocken chinesisch beizubringen. Aus irgendeinem Grund sind wir nicht in der Lage, uns mehr als die Wörter „Hallo“ (Ni Hao), „Danke“ (ScheSche) und „Deutschland“ (Doogwah) zu merken. Chinesisch ist aber auch echt kompliziert! Am besten scheint es mit der Aussprache zu klappen, wenn man versucht, seine Zunge beim Sprechen möglichst nicht zu benutzen. Zumindest kommt es uns so vor. Trotzdem versteht uns irgendwie keiner. Wir bekommen es einfach nicht hin, die wenigen Wörter, die Lisa uns beibringt, im richtigen Tonfall auszusprechen. Dafür wird ihr englisches „No“ bei uns zum Running Gag, denn sie betont es jedes Mal so, als hätte man gerade die dümmste Frage der Welt gestellt.

Unser erster Einruck vom Reich der Mitte, er ist ein durchweg positiver. Das Essen ist super lecker, die Menschen behandeln uns freundlich und zuvorkommend. Auch die dreispurigen Autobahnen sind eine willkommene Abwechslung zu den Holperpisten der vergangenen Monate. Gerne würden wir das Land ausführlicher bereisen und uns an manchen Orten länger als ein-, zwei Tage aufhalten. Doch dies wird wohl auf absehbare Zeit für Autoreisende leider unmöglich bleiben.

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