No Achmed, No Cry

Gerade noch standen wir in Bandar Abbas mit unserem Auto zwischen Menschen, die jede Nacht auf dem harten Betonboden im Freien schlafen, jetzt sitzen wir bei einem Double Chocolate Frappucino mit extra Sahne in der Dubai Mall und starren auf das Burch Kahlifa: Das höchste Gebäude der Welt. Was für ein Szenenwechsel! Dubai ist eine Stadt der Superlative: Alles ist riesig, aber Alles ist auch ein bisschen zu viel von allem. Nicht einmal mehr zwei Wochen, dann müssen wir unser Auto für die Verschiffung nach Indien am Hafen von Dubai abgeben! Die Zeit bis dahin wollen wir am Strand entspannen. Doch dazu kommen wir Dank der Einheimischen nicht wirklich.  Immerhin: Wir haben einen traumhaften Stellplatz gefunden: Direkt an der Strandpromenade des Nobelviertels Jumeirah stehen wir mit Blick auf das türkis-blaue Meer. Zusammen mit Perry, Ellen, Mia und Martin, die wir bereits in Bandar Abbas getroffen haben. Wir nutzen die Zeit zum Baden und Faulenzen, aber auch, um uns mal wieder um den Schrödinger zu kümmern. Seit ein paar Tagen haben wir ein komisches Geräusch im Motorraum. Doch auch die Mercedes Benz Werkstatt vor Ort weiß keinen Rat. Für die Mechaniker ist der Schrödinger schon zu alt. In Dubai werden nämlich keine Autos mehr zugelassen, die älter als 15 Jahre sind. Die Lösung dieses Problems müssen wir wohl auf Indien vertagen.

Sightseeing mit einem Scheich

Eines morgens steht ein Araber im Jogginganzug mit einer großen Tüte Essen vor unserer Tür. Er hat uns schon am Vortag am Strand stehen sehen und wollte die Truppe mit ihren Overlandern kennenlernen. Kurioserweise trägt der Mann, sein Name ist natürlich Mohammed, ein völlig ausgewaschenes T-Shirt des DÄRR Expeditionsservice aus München. Er erzählt uns, dass er gerne einen Overlander Club in Dubai gründen möchte und zeigt uns Fotos von sich und seinen Freunden beim Camping in der Wüste. Er möchte uns gerne seine Heimatstadt Dubai zeigen und schlägt vor, uns nachmittags am Strand abzuholen. Etwas überrumpelt sagen Alle ja und so kommt er ein paar Stunden später mit zwei dicken Autos zu unserem Stellplatz gebraust. Den Jogginganzug hat er zwischenzeitlich gegen Khandoura und Guthra getauscht: das traditionelle Gewand eines Scheichs! „Yalla! Yalla!“ treibt er uns zur Eile an und wir brausen in die historische Altstadt von Dubai, wo er uns förmlich durch die Gassen scheucht. Um ehrlich zu sein: Das alte Dubai ist wunderschön restauriert, es hat aber nicht wirklich etwas zu bieten und ist völlig ausgestorben. In den alten Gebäuden befinden sich ausschließlich Büros und kulturelle Einrichtungen. Vor dem Ölboom der Siebzigerjahre gab es hier außer ein paar Fischerhütten und jeder Menge Sand ja auch nicht wirklich viel zu sehen. Im Museum erfahren wir viel über die Entstehung des Reichtums in Dubai und staunen nicht schlecht, als wir auf einem Foto Mohammed als kleinen Jungen neben seiner Hoheit Scheich Al Maktoum entdecken. Dann packt uns Mohammed auch schon wieder in sein Auto, liefert uns am Strand ab und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Später verrät uns Google, dass wir mit dem ehemaligen Parlamentssprecher der Vereinigten Arabischen Emirate unterwegs waren.

In der Dubai Marina sehen wir einen echten Prinzen

Gerade einmal zwei Tage später passiert schon das nächste Highlight: Eine Gruppe arabischer MINI-Fahrer fragt uns, ob wir mit unseren Overlandern bei ihrer Parade mitfahren möchten. Wir wundern uns ein wenig, denn mit ihren sechs MINI´s scheint die Parade doch etwas klein auszufallen. Da wir nichts Besseres zu tun haben, springen wir spontan hinter die Lenkräder und reihen uns in die Formation ein. Zu unserer großen Überraschung vereint sich unser kleiner Konvoi auf der Hauptstraße mit einer riesigen Autoparade. Ehe wir uns versehen, brausen wir eskortiert von Polizei und Krankenwagen über rote Ampeln in Richtung Dubai Marina. Auf der Straße bleiben die Menschen stehen. Sie winken und machen Fotos. Damit haben wir jetzt nicht gerechnet! Angekommen in der Marina werden wir erstmal mit T-Shirts, Schals und V.A.E.-Fahnen ausgestattet. Wir erfahren dann auch endlich, was wir hier eigentlich machen: Heute ist in Dubai der International Sports Day und wir wurden vom örtlichen Motorsportclub eingeladen, dabei zu sein! Der Vorsitzende des Clubs kommt sogar, um uns persönlich zur Veranstaltung zu begrüßen, bevor er sich seiner Hoheit Prinz Hamdan bin Muhammad Al Maktoum widmet, der ebenfalls gerade eingetroffen ist. Ach was… Wir bestaunen noch eine gigantische Wassersportvorführung in der Marina, werden mit traditionellem Essen versorgt und ich darf einen Falken halten, bevor wir uns völlig geplättet wieder auf den Weg zurück zum Strand machen. Was für ein Tag!

1001 Nacht in der Wüste

Mittlerweile hat unsere Gruppe Zuwachs bekommen: Janina und Hefe sind im ausrangierten Feuerwehrauto mit ihrem Sohn Eloy und drei Hunden ebenfalls unterwegs in Richtung Indien.  Zusammen mit ihnen erleben wir ein ganz besonderes Abenteuer: Im LKW Allrad Forum haben Ellen und Perry Stefan kennengelernt: Einen Allgäuer, der seit vielen Jahren in Dubai lebt und arbeitet. Er kommt uns am Strand besuchen und nimmt uns mit auf eine Fahrt in die Wüste. Doch dort hin zu gelangen, ist gar nicht so einfach. Wir verlassen Dubai Richtung Südosten und fahren in die karge Wüstenlandschaft. Riesige Sanddünen aus feinem Wüstenstaub schillern in den unterschiedlichsten Braun- und Rottönen, dazwischen einige wenige verdorrte Bäume und Büsche. Wir sind tief beeindruckt von dieser malerischen Kulisse. Um zu dem von Stefan vorgeschlagenen Platz am Fuße der Dünen zu kommen, müssen wir mit dem Schrödinger einmal quer über den unbefestigten Sandboden. Ob das gut geht? Michi gibt richtig Gas. Der Schrödinger kämpft sich tapfer durch den Sand. Er schafft genau 100 Meter. Wir stecken fest. Mir kommen fast die Tränen als ich unser armes Auto so schief im Sand stecken sehe. Fast bis zu den Achsen hat sich der Schrödinger eingegraben. Doch Hilfe in Form von Stefan und seiner G-Klasse naht bereits. Wir können uns aus dem Sand befreien und werden zu den anderen Autos gezogen. Der Platz ist wirklich wie aus dem Bilderbuch. Umgeben von meterhohen Dünen, machen wir abends ein Lagerfeuer, grillen und verbringen die erste von zwei wunderbaren Nächte in der Wüste. Endlich wieder ein bisschen richtiges Outdoor-Leben! Wir erkunden die Dünen, versuchen mit Tüten und Brettern herunter zu rutschen und staunen nicht schlecht, als uns plötzlich ein paar Kamele besuchen kommen. Für mich zählt die Wüste seither zu einer der schönsten Landschaften, die wir bisher erleben durften. Auch wenn sie ziemlich anstrengend ist. Der Sand ist so fein, dass er wirklich überall hin gelangt, egal wie sehr man sich anstrengt, das zu verhindern. Sand im Auto, Sand im Bett, Sand in den Haaren. Alles voller Sand. Umso dankbarer sind wir um die öffentlichen Warmwasserduschen als wir nach zwei Tagen wieder zu unserem Platz am Strand zurückkehren. Zuvor wollen Michi und ich noch unsere Biervorräte für die verbleibenden Tage aufstocken. Leider ist Alkohol in Dubai nur für teuer Geld in Hotels erhältlich. Einzig das Baracuda Beach Resort in Sharja hat einen riesigen Shop, in dem ausschließlich Alkohol verkauft wird. Und so legen wir an diesem Tag noch einmal 140 Kilometer extra zurück, nur um ein paar Dosen Gerstensaft zu besorgen. Was macht der gemeine Bayer nicht alles! Zurück am Strand währt die Freude nicht lange: Eine Anwohnerin stört sich am Anblick unserer Autos. Der Polizei ist die Angelegenheit sichtlich peinlich, doch es hilft nichts, wir müssen umziehen.

Die V.A.E feiern 44. Geburtstag – und wir sind dabei!

Unser neues Lager schlagen wir zusammen mit Heerscharen von Einheimischen am Sufouh Beach auf. Übers Wochenende feiern die Arabischen Emirate ihr 44-jähriges Bestehen. Am Sufouh Beach sind wir in erster Reihe mit dabei. Jeden Abend bestaunen wir ein imposantes Feuerwerk und Nachmittags gibt es über der berühmten Palme spektakuläre Flugshows zu sehen. Neben uns haben ein paar arabische Jungs ihren Wohnwagen mitsamt Anlage, Diskokugel und Cateringservice aufgebaut. Es dauert nicht lange und Michi sitzt mit dabei. Sie bieten ihm ihre Pfeife an, er zieht daran und kippt prompt mit dem Stuhl nach hinten um. Seitdem haben wir neue Freunde. Was in der Pfeife war, wissen wir bis heute nicht. Aber Michi weiß jetzt, das er beim nächsten Mal besser fragen sollte. Tags drauf holen uns die Jungs aus dem Bett und wollen uns auf einen Ausflug mit in die Wüste nehmen. Obwohl wir nicht genau wissen, was sie mit uns vor haben, springen wir zu Achmed ins Auto und los geht´s. Nach einer guten Stunde Fahrt kommen wir mitten in der Wüste in einer Art Camp an. Es besteht aus mehreren Wohnwagen zum Schlafen, Kochen und Waschen, einer Feuerstelle mit gemütlichen Teppichen drum herum und einem Unterstand für: WÜSTENBUGGYS! Lachend drückt uns Achmed die Schlüssel in die Hand. „Have Fun!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen! Mit den kleinen Autos brausen wir durch die Wüste, rasen Dünen hinauf und hinunter, springen über kleine Hügel und ich quietsche mir vor Freude die Seele aus dem Leib. Zwischendrin laden Achmed und sein Freund uns zu einem typisch-arabischen Essen ein, bei dem wir alle im Restaurant um eine große Schüssel Fisch mit Reis sitzen und mit den Händen essen. Lecker! Auch wenn von meinem Essen mehr auf der Hose als im Mund landet. Gemeinsam schauen wir uns noch den Sonnenuntergang in der Wüste an, bevor wir uns auf den Rückweg zum Strand machen. Doch kurz bevor wir dort ankommen, will Achmed Michi und mich noch auf einen Drink in eine Hotelbar einladen. Wir lehnen dankend ab, schließlich sind wir von oben bis unten voller Sand, vom Wind total zerzaust und haben seit zwei Tagen nicht geduscht. Von unseren Klamotten ganz zu schweigen! Aber Achmed lässt sich nicht umstimmen und so finden wir uns ein paar Minuten am Eingang des luxuriösen Al Qasr Hotels wieder, wo Achmed offensichtlich Alle zu kennen scheint und vom Personal wie ein Star hofiert wird. Im Hotel selbst komme ich mir auf dem Weg zur Bar mit meinen sandigen Haaren und der Schlabberhose ziemlich blöd vor. Aber was solls, jetzt bin ich schon mal hier. Achmed bringt mich auf die Hotelterrasse, von der aus ich einen traumhaften Blick auf das Burch al Arab habe, während noch mehr gutsituierte Gäste einen guten Blick auf mein etwas fehlplatziertes Erscheinungsbild bekommen. Ich bin ein echter Hingucker.

Zurück am Strand packt Achmed seine Lieblingsmusik aus, während sein Kumpel die Diskokugel am Wohnwagen aufhängt. Wir tanzen, plaudern und lassen uns erneut feinstes arabisches Essen von Achmeds Familie schmecken. Achmed hat noch immer nicht genug und so packen er und sein Kumpel uns kurzerhand wieder in ihre Autos und wir fahren: Zum Hotel! Nein! Bitte nicht! Ich habe zwar zwischenzeitlich zumindest geduscht, aber dafür stehe ich jetzt im Jogginganzug in der Hotelbar. Achmed ist mittlerweile schon „sehr gut gelaunt“ und mischt die ganze Bar auf, in der eine unglaublich tolle Band zu spielen angefangen hat. Zu allem Überfluss zieht er mich plötzlich auch noch von meinem Stuhl und will mit mir Discofox tanzen. Ich habe keine Chance. Also tanze ich. Discofox, im Jogginganzug, mit einem Scheich. Alle Gästen schauen und wundern sich natürlich. Michi und Perry lachen sich schlapp und ich stehe den Moment so würdevoll wie möglich durch. Immerhin: Das werde ich wahrscheinlich nicht nochmal erleben. Die Band spielt Bob Marley´s Klassiker „No women, no cry“ und ändert den Refrain extra für uns in „No Achmed, no cry“. Aha! Die kennen ihn also auch! Auf dem Rückweg hat Achmed mittlerweile schon leichte Koordinationsschwierigkeiten. Bei einem gewagten Wendemanöver schrammt er mit seinem schönen Auto richtig böse über eine Verkehrsinsel. Ihm ist es egal. Kauft er halt morgen ein Neues. Unglaubliches Dubai!

 

So aufregend unsere Zeit in Dubai auch war: Wir würden hier nicht leben wollen. Alles ist übertrieben, künstlich, oberflächlich. Was Dubai jedoch für uns zum echten Erlebnis gemacht hat, waren die Menschen. Sie sind freundlich, offen und herzlich. Wir haben so viele Einheimische und Expats kennengelernt, dass wir gar nicht von allen erzählen können. Als Pauschaltourist wird man in Dubai allerdings kaum in den Genuss solcher Begegnungen kommen. Diese haben wir einzig und allein dem Schrödinger zu verdanken.

Ein Kommentar zu “No Achmed, No Cry

  1. Kai

    Hallo Ihr Zwei!

    Ein wirklich schönes Blog mit toll geschrieben Geschichten habt ihr da. Schön zu sehenwie man Pakistan dochumgehen kann Wir wollten auch zuerst von Deutschland nach Thailand. Die Stecke durch Pakistan und die etlichen Grenzen Zentralasiens haben uns abgehalten. Jetzt geht’s halt von Canada nach Feuerland August geht’s los). Auch nicht schlecht 🙂 In Thailand müsst ihr auf jeden fall mit Something different tours den 3tägigen Moto-Cross Trek durch den Dschungel machen. Unvergessliche Eindrücke! Viel Spaß noch undGrüße aus Bayern. Kai&Steffi

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