Plötzlich taucht aus dem Wald ein grimmig dreinblickender Mann auf. In seinen Händen hält er eine Motorsäge und stapft schnurstracks auf uns zu. Etwas verunsichert stehen wir mit ein paar morschen Ästen auf dem Arm irgendwo im bosnischen Nirgendwo. Der grimmige Mann steuert auf den nächsten toten Baum zu, fällt und zersägt ihn und schichtet die Scheite wortlos auf auf unseren Fahrradständer. Während wir dem Schauspiel noch verwundert zusehen, nimmt er einen großen Schluck aus einer Plastikflasche voll mit selbst gebranntem Schnaps und drückt sie uns in die Hand. Welcome to Bosnia! Oder, wie wir es fortan nennen: Balkan Style!
Rückblick: Wir haben uns zwei Monate Auszeit gegönnt. Unser Ziel: Strecken finden, die sich vor allem Allrad-Sprinter und Kastenwagen eignen – also genug Bodenfreiheit lassen und gleichzeitig nicht das ganze Auto verkratzen. Der Plan: Ab 2025 wollen wir zwischen Mai und September geführte Touren durch den Balkan anbieten. Eine gute Mischung aus leichten bis mittelschweren Strecken soll in unser Angebot kommen – gespickt mit schönen Übernachtungsplätzen, kulturellen und natürlich auch kulinarischen Eindrücken.
Mostar und Buna-Quelle: Touristenmagnet statt Geheimtipp?
Den sonnig heißen August verbringen wir in Serbien und Montenegro. Anfang September reisen wir zusammen mit Freunden in Bosnien ein. Das Land empfängt uns mit Nebel, unangenehm kalten Temperaturen, viel Regen und überschwemmten Straßen. So hatten wir uns unsere Ankunft in Bosnien definitiv nicht vorgestellt. Als erste Station steuern wir Mostar an. Im nächstgelegenen Dorf quartieren wir uns auf einem kleinen Campingplatz ein und besuchen das orientalisch anmutende Städtchen mit der berühmten Brücke sowie das nahegelegene Kloster an der Buna-Quelle. Obwohl beide Orte seit langem auf unserer Bucket-List stehen, sind sie leider nicht wirklich empfehlenswert. Völlig überlaufen, vollgepackt mit billigen Ramsch-Läden und gefühlt tausend Restaurants, lassen sie und ratlos zurück. Ist Bosnien doch nicht mehr der Geheimtipp, den wir uns erhofft haben?

Bosnische Gastfreundschaft: Eine Lektion in Herzlichkeit
Doch abseits der wenigen, bereits ausgetretenen Pfade hat das Land, gerade für Offroad-Touristen einiges zu bieten. Das beginnt schon bei der unglaublichen Gastfreundschaft, die wir von europäischen Tourismuszielen kaum noch gewohnt sind. Leider holt sich Michi gleich in Mostar eine schwere Lebensmittelvergiftung und wir müssen die nächstgelegene Krankenstation aufsuchen. Die Eltern des Campingplatz-Besitzers leihen uns, trotz Verständigungsschwierigkeiten, hierfür ohne zu Zögern ihren uralten VW Polo, kochen Suppe für den schwerkranken Mann und kümmern sich rührend um unser Wohlbefinden. Bezahlen lassen sie sich hierfür selbstverständlich keinen Cent – und so bleibt uns nicht anderes als uns mit mit Süßigkeiten und einem großzügigen Trinkgeld zu bedanken.

Unsere erste Offroad-Tour: Zum Orlovacko-See
Nach drei Tagen Zwangspause können wir zum Glück zu unserer ersten Offroad-Tour in Bosnien aufbrechen. Gleich die erste Tour zum Orlovacko-See ist ein absoluter Genuss. Nicht nur, dass wir vom eingangs erwähnten grimmigen Waldarbeiter mit ausreichend Holz für ein keines Lagerfeuer versorgt werden, auch der Stellplatz direkt am See, die wunderschöne Aussicht und die ruhige Natur belohnen uns für die anspruchsvolle Anfahrt.

Sarajevo: Eine Stadt zwischen Orient, Europa und Kriegsspuren
Tags darauf brechen wir, teils auf Schotte teils auf Teer, auf in Richtung Sarajevo. Die Stadt ist ehrlicherweise nicht die schönste, die wir bisher auf unseren Reisen gesehen haben, aber sicherlich eine der interessantesten. Wir checken auf einem kleinen Campingplatz mit bestem Ausblick auf die bosnische Hauptstadt ein und adoptieren gleich einen schwarzen Kater, der es sich in unserem Auto auf dem Fahrersitz gemütlich macht, während wir im Bett entspannen und den für diese Jahreszeit ungewöhnlich kalten Temperaturen trotzen. Abends unternehmen wir mit einem Taxi für umgerechnet zehn Euro einen ersten Ausflug in die Innenstadt.
Sarajevos Altstadt ist faszinierend. Im muslimischen Teil fühlt man sich sofort in den Orient versetzt. Nur einen Schritt weiter findet man sich in einer typisch europäischen Großstadt wieder. Gleichzeitig sind die Wunden des Jugoslawien-Krieges noch heute überall deutlich sichtbar. Einschusslöcher in den Gebäuden und die „Rossen von Sarajevo“ – mit rotem Harz ausgefüllte Granateinschläge – zeugen von der grausamen Belagerung der Stadt während des Krieges. Auch die Bevölkerung ist noch immer von dieser Zeit gezeichnet. Wir sehen viele Menschen mit Kriegsverletzungen. Auch das Gesicht unseres Taxifahrers ist vom Krieg entstellt. Er hat bis heute Schwierigkeiten zu sprechen.
Wer sich für den Krieg in den 90er Jahren interessiert, findet in Sarajevo eine Vielzahl an Ausstellungen und Museen, die den Krieg aus bosnischer Perspektive beleuchten. Der Krieg ist unter anderem mit unzensiertem Videomaterial gut dokumentiert. Nichts für schwache Nerven. Schweigend sitzen wir nach jedem Museumsbesuch zusammen und können nicht fassen, was Menschen sich gegenseitig antun können. Und dennoch: Die Menschen in Sarajevo sind freundlich, aufgeschlossen und blicken positiv in die Zukunft.
Ein besonderes Highlight in und um Sarajevo sind außerdem die Ruinen der olympischen Spiele von 1984. In Sarajevo selbst kann man mit einer Seilbahn auf den Hausberg Trebevic fahren und in der ehemaligen Bobbahn Richtung Tal wandern. Mit dem Auto erreicht man außerdem in kurzer Zeit die eindrucksvollen Ruinen der Skisprungschanze sowie die Ruinen des olympischen Hotels Igman. Hier gibt es noch sehr viel mehr zu entdecken! Sarajevo wird uns auf jeden Fall bald wieder sehen!

Lukomir: Das höchstgelegene Bergdorf Bosniens
Doch für´s Erste zieht es uns wieder in die Natur und wir brechen auf in das idyllische Bergdorf Lukomir. Aufgrund der anhaltend unangenehmen Temperaturen statten wir uns dort erstmal mit kratzigen selbstgestrickten Wollmützen aus und lassen uns im einzigen offenen Restaurant mit Suppe und Burek verwöhnen. Wie so oft stellen wir auch hier wieder fest: Bosnien ist großartig – aber nicht unbedingt ein Land für Vegetarier. Zum Glück ist unsere mitreisende Vegetarierin recht genügsam und gibt sich zum wiederholten Mal mit Spinat im Teigmantel mehr als zufrieden.


Als nächstes machen wir uns auf zur Ruine des Bascica Staudamms. Der Besitzer des nahegelegenen gleichnamigen Restaurants erzählt uns, dass kurz nach Errichtung des Damms festgestellt wurde, dass dieser dem Wasserdruck nicht stand hält. So wurden kurzerhand zwei Löcher in die Betonwand geschlagen: Eines, damit das Wasser ablaufen kann. Das andere dient als Durchfahrt. Im nächstgelegenen Restaurant dürfen wir selbst Forellen aus dem Fluss fischen, die anschließen frisch für uns gebraten und mit Salat serviert werden – und das für umgerechnet fünf Euro pro Person.
Wildpferde und Natur pur: Unsere Highlights in Livno und am Ramsko-See
Frisch gestärkt sind wir bereit für die nächsten Herausforderungen. Unser erstes Ziel: Der Ramsko-See, an dem wir in völliger Ruhe zwei Nächte mit bestem Ausblick genießen. Selbstverständlich statten wir auch den Wildpferden bei Livno einen Besuch ab. Dank Allrad sind wir in der Lage auf einen Hügel mitten in die Herde zu fahren und die schönen Tiere aus nächster Nähe zu begutachten.

Auf der gesamten Reise haben wir immer die Minen-Situation im Blick. Bosnien ist bis heute eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Schätzungsweise gibt es dort aktuell noch fast 200.000 aktive Landminen. Wir achten daher stets darauf, nur Orte aufzusuchen, an denen bereits andere Offroader sichtbare Spuren hinterlassen haben oder viel Weidevieh unterwegs ist. Die App „Mine Suspekted Areas“ ist unser stetiger Begleiter, über die wir uns informieren, ob wir uns nahe kritischer Gebiete bewegen. Unsere Zeit in Bosnien ist leider viel zu schnell vorbei. Zum krönenden Abschluss besuchen wir noch den Una-Nationalpark. Dort bestaunen wir die atemberaubend schönen Wasserfälle und decken uns mit bosnischen Spezialitäten ein.
Unser Fazit: Warum Bosnien ein Offroad-Paradies ist
Bosnien ist eine Perle. Mit ursprünglichen Landschaften, in denen Touristen und Offroader noch willkommen sind. Mit kulturellen Highlights, von denen wir sogar in vier Wochen nur einen Bruchteil erleben konnten. Und vor allem mit vielen grandiosen Touren abseits befestigter Straßen, die auch für Kastenwagen keine Wünsche offen lassen. Unser Abenteuer Bosnien 2025 kann beginnen!