Sprachlos in Indien

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Zum ersten Mal, seit wir unsere Reise im September 2015 begonnen haben, sitze ich vor meinem Laptop und mir fehlen die Worte. Wir sind zurück in Indien. Indien, genau drei Tage hast du gebraucht, um uns an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu bringen. Dabei sind wir mit so guten Vorsätzen gestartet. Jetzt wissen wir ja, worauf wir uns mit dir einlassen. Wir sind vorbereitet. Haben wir doch schon vier Monate in diesem Land verbracht. Wir sind „indienerfahren“. Noch eine Chance wollen wir uns in diesem riesigen Land geben. Klar, wir sind verschieden, wir sind anders, doch wir können uns diesmal bestimmt darauf einlassen. Mitschwimmen, gelassener sein. Doch es klappt einfach nicht. Wir sind zwar „indienerfahren“, aber nicht „indienkompatibel“. Das müssen wir uns wohl endgültig eingestehen.

Dabei hätte es doch eigentlich ganz gut angefangen. Der Grenzübertritt im Westen von Nepal verlief ziemlich entspannt. Obwohl wir eigentlich fast nicht aus Nepal rausgekommen wären, weil sich niemand zuständig fühlte, das entsprechende Tor am Grenzübergang zu öffnen. Doch schließlich kommen wir wieder in Indien an.

Das Tor ist zu. Nepal will uns nicht ziehen lassen.

Das Tor ist zu. Nepal will uns nicht ziehen lassen.

Die guten Vorsätze weichen mit jedem gefahrenen Kilometer mehr und mehr dem Wunsch, einfach wieder umzudrehen. Den ganzen Tag über schieben wir uns mit Massen von Autos, Rikshaws und Kühen durch den dichten Verkehr. Irgendwie überleben wir das Ganze Treiben auf den Straßen unbeschadet. Wir fahren vorbei an Müll und Elend. In einem schmutzigen Tümpel spielen ein paar Kinder mit Wasserbüffeln. Sie springen von deren Rücken in das trübe Nass, mit dem ich Zuhause nicht mal meine Blumen gießen würde, aus Angst, sie würden auf der Stelle verenden. Immer wieder kommen wir an schweren Unfällen vorbei. Ein Reisebus steckt kopfüber im Graben. Einige Kilometer weiter fahren wir an einem Toten vorbei. Ein Rinnsal Blut läuft aus seinem Kopf über die Straße. Die Sanitäter stehen ratlos daneben.

Rücksichtslos und gemeingefährlich: Mit den indischen Bussen hatten wir schon einige Nahtoderfahrungen

Rücksichtslos und gemeingefährlich: Mit den indischen Bussen hatten wir schon einige Nahtoderfahrungen

Abends finden wir hinter einer Werkstatt einen vermeintlich netten Parkplatz auf einer Wiese, neben ein paar LKWs. Es ist heiß und die Luftfeuchtigkeit macht uns zu schaffen. Auf einer kleinen Mauer wollen wir uns kurz ausruhen. Luft holen. Es dauert keine fünf Minuten bis sich um uns mindestens 50 Männer versammeln. Ausschließlich Männer. Keine Frauen. Keine Mädchen. In einem Abstand von nicht einmal einem Meter stehen sie um uns herum. Und starren uns an. Und starren. Und starren. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Was, wenn nur einer von ihnen auf dumme Gedanken kommt? Gekicher. Finger zeigen auf mich. Sogar hinter mir stehen sie und blicken mich stumm an. Ich sitze auf der Mauer und versuche krampfhaft, nicht am ganzen Körper zu zittern. Bloß keine Schwäche zeigen! Mein Blick ist ernst. Abweisend. Ich fühle mich buchstäblich wie die Spinne unter dem Glas. „Please, keep distance!“, rufe ich und mache eine ausladende Geste mit meinen Händen. Die Masse weicht um einen halben Meter. Doch den Schauplatz des Spektakels „Zwei Weiße sitzen auf der Mauer“ verlässt niemand. Ein Mann läuft zum Schrödinger, fängt an, ihn zu putzen. Uns schwant schon Böses. Kaum ist er fertig, will er Geld. Als Michi entschieden ablehnt, schüttelt er vor meinem Gesicht den Staub aus seinem Putztuch. Die Situation wird noch unangenehmer. Wir treten den Rückzug an. Steigen ins Auto und fahren weiter. Wirklich, wir verstehen, dass unser Auto außergewöhnlich ist. Wir verstehen auch, dass wir spannend sind. Andere Hautfarbe. Blaue Augen. Blonde Haare. Aber warum werden wir so behandelt? Egal, wo wir hin kommen, werden wir angestarrt, bedrängt, fotografiert, behandelt, wie Allgemeingut. Indien, du machst mir langsam wirklich Angst. Indien, du machst mich sprachlos.

Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Starren, die Inder wären die unangefochtenen Sieger

Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Starren, die Inder wären die unangefochtenen Sieger

Auf den Straßen sieht man fast nur Männer

Auf den Straßen sieht man fast nur Männer

Indien, wo sind deine Frauen?

Indien, wo sind deine Frauen?

An einer Indian Oil Tankstelle finden wir schließlich einen halbwegs sicheren Schlafplatz für die Nacht. Kaum stehen wir eine halbe Stunde, kommt der Besitzer an und will, dass wir umparken. Vor sein Büro, dort wäre es sicherer. Doch dort würden uns die grellen Scheinwerfer direkt ins Auto strahlen. Außerdem wissen wir mittlerweile: Es geht ihm darum, seinen Angestellten zu zeigen, dass er hier das Sagen hat und sogar die Ausländer herumkommandieren kann. Und: Vor seinem Büro kann er uns besser beobachten. Er klopft an unsere Tür. „Ma’am, please go there. It is safer“, beschwört er mich. Mir reicht es für heute mit den indischen Männern. Nein, ich bleibe genau hier. Weil ICH es so will. Ich lehne höflich ab. Bedanke mich für seine Mühe. „Ma’am, I am the owner of this place and I want you to go there!“, wird er laut. Ich habe genug. „I! DON´T! WANT! TO! GO! I! STAY! HERE!“, schreie ich ihn an, woraufhin er entgeistert die Tür vom Schrödinger zuschlägt. Zumindest wird er uns für den Rest der Nacht in Ruhe lassen. Und ich habe meine Lektion gelernt: Laut und böse. Das bin ich ab jetzt. Denn das ist das Einzige, was funktioniert. Lächeln war gestern.

Kaum habe ich mich wieder im Griff, erwartet mich die nächste Herausforderung: Es ist schon dunkel, als Michi mich bittet, eine Taschenlampe zu holen. „Du musst mich mal überall anleuchten und schauen, ob eine große Spinne auf mir sitzt. Ich bin nämlich gerade durch ihr Netz gelaufen“, teilt er mir seelenruhig mit, während ich ernsthaft in Erwägung ziehe, einfach mit dem Schrödinger durchzubrennen. Mit zitternden Händen leuchte ich den Mann von unten bis oben ab. Sollte ein riesiges haariges Monster auf ihm sitzen, ich werde ihn unter Einsatz meines Lebens retten. Selbstverständlich! Aber danach will ich heim zu meiner Mami. Nach schier endlosen fünf Minuten angespannten Suchens schließlich: Entwarnung! Als wir das Ungetüm wenig später auf dem Asphalt finden, stellt sich sein Umfang doch eher als „mitteleuropäischer Standard“ heraus. Mami muss noch ein wenig auf unsere Rückkehr warten.

Wir kommen nicht zur Ruhe. Am nächsten Tag spielt uns unser Navi einen bösen Streich. Es leitet uns in die tiefen Wirren einer Gasse in irgendeiner ranzigen indischen Kleinstadt. Nichts geht mehr. Ein Mann am Straßenrand deutet nach links. Dort soll es weiter gehen. Gutgläubig folgen wir seinem Rat und manövrieren uns buchstäblich in die Hölle. Die Gasse ist so eng, dass der Schrödinger gerade so durch passt. Die Kabel hängen tief. Rückwärts ist keine Option mehr. Ich steige auf das Dach. Michi fährt uns im Schritt-Tempo durch die schmale Straße. Es ist brütend heiß. Der Schweiß läuft mir in Strömen über das Gesicht. Bei jedem Kabel, das ich hoch hebe, bete ich, dass es zumindest halbwegs isoliert ist und ich nicht von einem Stromschlag ins Jenseits befördert werde. Zwei Mal reagieren wir zu spät. Mit einem lauten Schnalzen reißen Kabel. Von der Menschenmenge, die uns verfolgt, ist ein lautes „OOOHHH!“ zu hören. Ich bin am Rand der Verzweiflung. Und genau in diesem Moment, in dem ich mir sicher bin, endgültig im Vorhof zur Hölle gelandet zu sein, passiert es: Ein Engel taucht auf. Plötzlich sitzt ein schmutziger junger Mann neben mir auf dem Dach und hilft mir. Gemeinsam heben wir Kabel und Werbeschilder nach oben, geben Kommandos und warnen uns vor dem nächsten Hindernis. Und das obwohl ich kein Wort Hinidi spreche und er kein Wort Englisch. Filmreife Szenen spielen sich ab. Die halbe Stadt verfolgt unseren verzweifelten Versuch, durch die Gassen auf die nächste Hauptstraße zu gelangen.Ein alter Mann reicht mir seinen Gehstock, damit ich die Kabel nicht mehr anfassen muss. Aus dem oberen Stockwerk eines Hausen rufen mir ein paar Kinder zu: „How are you?“. „Well, I had better days..“, meine Antwort. Eine junge Frau macht sich in ihrer Wohnung gerade die Haare und starrt mich entgeistert an, während eine ältere Dame beherzt aus ihrem Fenster greift und ein Bündel Kabel hochhebt, damit wir hindurch fahren können. Die ganze Straße hilft mit. Niemand beschwert sich über die mindestens drei Kabel, die der Schrödinger auf unserer Irrfahrt als Souvenir „einpackt“. Mehr als eine Stunde lang quälen wir uns auf diese Weise vorwärts, als es plötzlich vorbei ist. Noch auf dem Dach packe ich den jungen Mann am Arm, versuche mich irgendwie bei ihm zu bedanken. Geld will er keines, dafür ist er jetzt der Held in seiner Stadt. Auch das ist Indien. Und genau das macht es so schwer, dieses Land angemessen zu beschreiben. Ich finde kaum die richtigen Worte. Indien, wieder hast du mich sprachlos gemacht.

Völlig durchgeschwitzt, schmutzig und mit aufgeschlagenen Knien und zerkratzten Armen lasse ich mich wieder auf den Beifahrersitz plumpsen, während Michi uns nach Rishikesh fährt. Eine Oase der Ruhe soll die Stadt laut Lonely Planet sein. Mit Ashrams, in denen schon die Beatles Erleuchtung suchten. Genau das, was ich jetzt brauche. Ich werde mich für ein paar Tage in einen Ashram einmieten, Yoga machen und meditieren. Auch wenn ich nicht für Esoterik jeglicher Art empfänglich bin, erscheint es mir doch so, als würde ich genau dies jetzt brauchen. Doch leider ist gerade Pilgerzeit in Indien. Die Stadt versinkt völlig im Chaos. Menschenmassen schieben sich durch die Straßen an das Ufer des Ganges, um die rituelle Reinigung zu vollziehen. Von Spiritualität und Ruhe wieder einmal keine Spur. Wir haben kein Wasser mehr und müssen uns ein Hotel suchen. Doch alle sind ausgebucht. Schließlich finden wir noch eines und bekommen für 20 Euro die Nacht ein schmutziges Zimmer, mit schimmligem Bad und einem Restaurant, das an den Pritzl-Keller erinnert. Das Bett ist so eklig, dass ich es vorziehe, komplett bekleidet zu schlafen und mich mit meinem iranischen Hijab zuzudecken.

Gleich am nächsten Morgen ergreifen wir die Flucht. Doch Rishikesh will uns nicht gehen lassen. Wir stehen im Stau. Stundenlang. Im unübersichtlichen Verkehrsgewühl knirscht es plötzlich ungut. Wir haben einem anderen Auto den Seitenspiegel abgerissen! Also, genau genommen war es der Schrödinger und nicht wir. Sechs junge Männer stellen uns zur Rede. „We just did it the Indian way“, konstatiert Michi, doch einer der Männer findet dies gar nicht lustig und bevor die Situation eskaliert, zahlen wir 30 Euro (Die eingedellte Motorhaube hat uns nur 20 Euro gekostet!) und Alles ist wieder gut. Noch ein Selfie zum Abschied und wir dürfen weiter fahren.

Den freundlichen Jungs haben wir leider den Außenspiegel kaputt gemacht. Sorry!

Den freundlichen Jungs haben wir leider den Außenspiegel kaputt gemacht. Sorry!

Abends finden wir neben der Hauptstraße ein nettes Restaurant mit einem riesigen Parkplatz. Die Angestellten sind freundlich, wir machen Fotos und unterhalten uns mit Händen und Füßen. Eine junge Frau möchte sich mit mir fotografieren lassen und drückt mich an sich, als würden wir uns schon seit Jahrzehnten kennen. Ich freue mich über so viel Herzlichkeit. Wir dürfen zum Glück auf dem eingezäunten Parkplatz übernachten. Während Michi im Auto sitzt und liest, mache ich es mir auf dem Bullenfänger gemütlich und rauche eine Zigarette. Es dauert keine fünf Minuten, als plötzlich ein Mofa vor mir hält, fünf Männer vor mir stehen, sich vielsagend angrinsen und auf mich einreden. Während ich noch überlege, wie ich mich verhalten soll, stürmt auf ein Mal der Besitzer des Restaurants auf die Männer zu und weist sie an, zu verschwinden. Noch während der hitzigen Diskussion schaut er mich an, hebt die Hände und sagt: „Don´t worry, you are safe here!“. Sein Angestellter gibt mir zu verstehen, dass ich mich besser ins Auto zurückziehen sollte, was ich natürlich sofort mache. Die Männer ziehen ab. Wir sollen ihm Bescheid sagen, wenn es Probleme gäbe, meint der Restaurantbesitzer, er rufe dann die Polizei.

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Wir verstecken den Schrödinger lieber hinter ein paar Büschen

Wir verstecken den Schrödinger lieber hinter ein paar Büschen

Was soll ich sagen? Indien, du bist so extrem. In einer Minute bist du noch extrem unheimlich und machst mir Angst. Einen Moment später bist du plötzlich extrem freundlich und hilfsbereit. Indien, ich weiß nicht, was ich über dich schreiben soll. Mir fehlen die Worte. Es gibt einfach nicht genug davon, um dich angemessen zu beschreiben. Indien, du machst mich wirklich sprachlos.

4 Kommentare zu “Sprachlos in Indien

  1. Thomas

    haha mir wollten sie fuer MEINEN abgefahrenen Spiegel 100 Rupien geben 😉 kommt doch wieder in den Iran, hier ists viel schoener!

    1. Micha Autor des Beitrags

      Das haben wir tatsächlich schon überlegt. Hauptsache endlich mal wieder freundliche Menschen. Zum Glück ist es hier in Nepal wieder viel angenehmer.

  2. Erika

    Oh Gott wenn ich das lese gefriert mir das Blut und lacht mein Herz. So was von gegensätzlich und doch so wunderschön. Ganz ganz viel Glück, bleibt gesund!. Liebe Grüße

  3. Reni - Swiss Nomads

    Ein Wahnsinnsbericht. Ich kann euch so richtig nachfühlen. Indien ist einfach extrem. Wir waren das erste Mal in der grössten Hitze durch Rajasthan gereist. Backpacker-mässig. Es war furchtbar und faszinieren. Schrecklich und wunderschön zugleich. Indien ist einfach krass.

    Mit dem eigenen Fahrzeug durch Indien zu reisen, ist nochmals ein ganz anderes Ding. Wir werden voraussichtlich in zwei Jahren etwa dort sein, wo ihr grad seid. Werde dann bestimmt an euch denken, wenn wir da sind. Danke jedenfalls für die ehrlichen Worte über die Erlebnisse in Indien.

    Liebe Grüsse & gute Reise.

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