Es kann nur noch besser werden

2016 beginnt für uns leider so richtig holprig. In den frühen Morgenstunden, die Sonne ist noch nicht einmal richtig aufgegangen, kommen wir mit dem Nachtbus aus Goa wieder in Mumbai an. Um Geld zu sparen, haben wir uns dieses Mal über AirBnB in ein weitaus günstigeres Hotel etwas nördlich von Zentrum am sogenannten „Crawford Market“ einquartiert. Als unser Taxi in die Straße des Hotels einbiegt, möchte ich am liebsten sofort wieder umkehren. Die enge Straße ist vollgestopft mit Menschen, es stinkt erbärmlich, alles ist voller Müll. Dazwischen tummeln sich Hühner, Ratten, Mäuse, Hunde, Katzen und Kühe. Zu allem Übel werden mitten auf der Straße gerade auch noch ein paar Ziegen geschlachtet und gehäutet. Wir flüchten vor den neugierigen Blicken der Passanten sofort ins Hotel. Unser Zimmer hat kein Fenster, dafür aber Schimmel an den Wänden. „Ist ja nicht für lange!“ versichern wir uns gegenseitig. Immerhin, die Bettlaken sind sauber. Wir holen erstmal ein paar Stunden Schlaf nach.

Später bringen wir noch unsere Dokumente zu unserem Agenten, der uns in Aussicht stellt, den Schrödinger schon drei Tage später abholen zu können. Das schaffen wir jetzt auch noch. Die nächsten Tage verbringen wir vornehmlich im Starbuck´s Cafe am Taj Mahal Palace Hotel und treten abends immer den Spießrutenlauf zurück zu unserem Hotel an an. Denn in die Straße zu unserer Unterkunft wollen uns nicht mal die Taxis bringen. Also quetschen wir uns durch die Menschen, lassen uns anstarren, anbetteln, an den Ärmeln ziehen, versuchen gleichzeitig nicht in irgendwas Ekliges zu treten, bis wir es endlich in unser Zimmer geschafft haben.

Am Abend bevor wir den Schrödinger zurückbekommen sollen, sind wir noch bei Happy Zuhause eingeladen. Er kocht für uns. Es gibt Hühnchen und frischen Salat. S-A-L-A-T!!!! Ich sitze ganz aufgeregt vor den grünen Blättern, die ich Zuhause eigentlich nicht mal so gerne mag, aber frischen Salat habe ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gegessen. Und das Beste: Nichts von dem Essen schmeckt nach Curry! Zusammen mit seinen Freunden Claire und Taras haben wir einen unglaublich schönen, lustigen und vor allem normalen Abend unter Freunden, wie er in Deutschland hätte auch stattfinden können. Ich merke, dass ich unsere Freunde, solche Abende (aber auch Salat) sehr vermisse.

Am nächsten Morgen checken wir endlich aus unserem Hotel aus und warten im Starbucks auf den erlösenden Anruf der Agentur. Stunde um Stunde vergeht. Nichts passiert. Abends erfahren wir dann: Heute hat es nicht geklappt, aber morgen. Ganz bestimmt! Geknickt ziehen wir wieder in unser „schönes“ Hotelzimmer ein. „Ist ja nicht für lange!“, sagen wir uns erneut. Das gleiche Spiel spielen wir jedoch tags darauf nochmal und am darauffolgenden Tag ebenso. Es ist zermürbend. Einziger Lichtblick ist ein weiteres Treffen mit unserem Freund Happy, der uns am Sonntag zum gemeinsamen Entspannen an den Pool des fünf Sterne St. Regis Hotel einlädt. Als wir dort in Flip Flops und Badeoutfit eintreffen, entpuppt sich das legere Treffen jedoch als noble Party. Nicht schon wieder! Es scheint sich langsam wie ein roter Faden durch unsere Reise zu ziehen, dass wir in den nobelsten Hotels durch unsere nicht ganz so noble Kleidung dezent auffallen. Aber was soll´s. Die Leute sind nett, die Drinks lecker und die Aussicht aus dem Hotel ist umwerfend! Der Zufall will es, dass ich mit einem Deutschen ins Gespräch komme, der schon länger in Mumbai lebt. Als Ralf meinen bayrischen Akzent bemerkt, will er uns unbedingt in den kommenden Tagen seiner Freundin Dagmar vorstellen. Diese komme nämlich ebenfalls aus Niederbayern, genauer: Aus Passau! Unglaublich aber wahr: Da fährt man 10.000 Kilometer und trifft eine Passauerin in Mumbai, deren Mutter, wie sich später noch herausstellen wird, meine Tante kennt. Die Welt ist klein.

Er ist wieder da – aber leider nicht ganz vollständig

Am Montag checken wir endgültig aus unserem Hotel aus. Das Auto bekommen wir wieder nicht und so machen wir uns auf die Suche nach einer besseren Unterkunft im Zentrum. Doch nun haben wir ein weiteres Problem: Wir bekommen kein Zimmer, denn Michi hat keinen Reisepass. Dieser liegt bei unseren Dokumenten im Hafen. Wenn es um Bürokratie geht, sind die Inder gnadenlos und so werden wir an jeder Rezeption abgewiesen. Glücklicherweise nimmt uns das Grand Hotel, in dem wir bereits bei unserem ersten Mumbai-Besuch waren, dann unter der Bedingung auf, das Dokument nachzureichen. Das können wir Gott sei Dank am folgenden Tag auch gleich machen. Endlich bekommen wir den Schrödinger zurück! Es ist schon dunkel und wir stehen schon eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin am Straßenrand und warten auf unser Auto. Als der Schrödinger dann endlich um die Ecke biegt, habe ich vor Freude fast Tränen in den Augen. Doch die Freude währt nicht lange. Der Fahrer hält an und ich springe ungeduldig sofort ins Führerhaus. Als wir das Auto in Dubai abgeben haben, haben wir dort vermutlich unser iPad liegenlassen und ich hoffe, dass es noch da ist. Natürlich ist es das nicht, aber vielleicht liegt es ja im Koffer, hoffe ich noch, als ich aussteige und in Michi´s betrübtes Gesicht blicke. Was ist passiert? „Jemand hat unsere Nebelscheinwerfer geklaut.“ Entsetzt starren wir auf die beiden losen Kabelenden am Bullenfänger. Doch damit nicht genug. Als wir uns erneut ins Auto setzen, stellen wir fest, dass zudem noch unsere Sitzkissen gestohlen wurden und der Höhenmesser, die Temperaturanzeige und sogar meine Solarblume sowie das eigens von einer Freundin für uns gehäkelte Schrödinger-Maskottchen herausgerissen wurden. Indien, gerade mögen wir dich überhaupt nicht.

Bevor wir Mumbai endlich endgültig hinter uns lassen können, muss der Schrödinger erstmal dringend noch in eine Werkstatt. Auf dem Weg nach Navi Mumbai (Neu Mumbai) haben wir einen Guide im Auto sitzen, der uns beim restlichen Papierkram behilflich sein soll. Der Held kennt sich aber leider selbst nicht richtig aus und so verpassen wir zwei Mal die richtige Ausfahrt und müssen auf der vierspurigen Autobahn (richtig gehört: AUF der Autobahn) umdrehen und ein Stückchen als Geisterfahrer in die andere Richtung fahren. Everything is possible in India! Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir das überlebt haben. In der Werkstatt stellt sich schnell heraus, dass wir eine weitere Woche bleiben müssen, da der Schrödinger neue Stoßdämpfer braucht und die Teile erst noch besorgt werden müssen. Die Werkstatt ist glücklicherweise unglaublich professionell und der Service ist hervorragend!

Das seltsame Geräusch aus dem Motorraum, das selbst die Mechaniker in Dubai nicht lokalisieren konnten, entpuppt sich nach wenigen Minuten abermals lediglich als verlorene Schraube an der Klimaanlage. Auch sonst ist die Werkstatt die beste, die wir bisher erleben durften (Abgesehen von unserer einzig wahren bei Michael M. aus S. natürlich!) Wir werden täglich mit Pizza und Kaffee versorgt und es wird sich sogar um unsere Wäsche gekümmert. Um die Kosten und den Zeitaufwand für uns gering zu halten, verzichten die Mechaniker sogar darauf uns original Mercedes Teile einzubauen und besorgen uns Tata-Stoßdämpfer vor Ort. Sie sitzen perfekt und den Schrödinger umweht ab jetzt ein Hauch von Indien. Angesteckt vom indischen Improvisationstalent bastle ich uns in der Zwischenzeit ein neues, voll funktionsfähiges Navigationssystem. Das Alte wurde ja leider geklaut.

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Das verlorene Paradies

Am 20. Januar können wir uns endlich auf den Weg Richtung Goa machen und kommen nach einem kurzen Zwischenstopp in Candolim schließlich am 23. Januar mit über einem Monat Verspätung endlich in Agonda an. Was haben wir uns darauf gefreut! Schon vor unserer Abreise war Agonda eines der wichtigsten Ziele für uns. Ein traumhafter Standplatz direkt am Meer zusammen mit anderen Overlandern. Doch als wir dort ankommen entpuppt sich der Platz als einzige Enttäuschung: Komplett vermüllt! Doch das schlimmste ist, dass wir direkt in einen riesigen Streit zwischen Reisenden und Fischern platzen. Die Polizei ist schon vor Ort und schickt uns wieder weg. Der Platz sei zu gefährlich, niemand könne uns garantieren, dass uns oder unserem Auto hier etwas passiert. Ich kann überhaupt nicht in Worte fassen, wie enttäuscht wir sind. Indien, werden wir uns jemals anfreunden?

Wir finden einen schönen Stellplatz hoch oben auf einem imposanten Plateau an der Küste. Ein ebenfalls verlorenes Paradies. Von oben ist der Blick auf Strand und Meer wie aus dem Bilderbuch. Näher betrachtet ist aber auch hier alles sehr vermüllt. Niemand schert sich darum. Alle Besucher lassen einfach ihre Plastikflaschen, Teller und Essensreste am Strand liegen. Wir können einfach nicht verstehen, warum die Inder ihr schönes Land so zerstören. Leider wird auch die Nacht mehr als unruhig. Zwei Junge Männer schleichen den ganzen Tag um unser Auto herum. Später, als alle anderen Besucher das Plateau verlassen, setzen sie sich, obwohl weit und breit genug Platz, direkt neben unser Auto, rauchen dort einen Joint um den anderen und kommen immer mal wieder in unsere Nähe, nur um gleich wieder umzudrehen und sich erneut neben das Auto zu setzen. Uns ist die Situation mehr als unheimlich. Was wollen die nur von uns? Wir sprechen sie an, aber sie verstehen leider kein Englisch. Irgendwann verziehen wir uns dann lieber in den Schrödinger und beobachten irritiert, wie einer der beiden nach uns sucht und schließlich vor unserer Feuerstelle stehen bleibt. Minutenlang starrt er regungslos in die Glut. Gruselig! Irgendwann ziehen die beiden schließlich doch noch ab und wir sind froh um ein paar Stunden unruhigen Schlaf.

Wir beschließen, unser Glück doch noch in Agonda zu versuchen und kehren zum Strand zurück. Dort ist mittlerweile Alles ruhig, die Fischer sind freundlich zu uns. Wir stellen uns zu einem anderen Camper, richten uns für die nächsten Wochen häuslich ein. Plötzlich hören wir einen lauten Knall. Was machen die Inder denn jetzt schon wieder? Doch diesmal kam der Lärm von uns. Der Hinterreifen meines Fahrrads ist geplatzt. Einfach so. Jetzt haben wir das Ding 10.000 Kilometer um die Welt kutschiert, nie benutzt, aber hier, wo wir es dringend brauchen könnten, geht es kaputt. Das darf doch alles nicht wahr sein! Egal, sage ich noch. Jetzt sind wir hier und haben einen schönen Platz für die nächste Zeit. Und abgesehen davon: Hauptsache wir sind gesund! Keine sechs Stunden später ereilt uns zum ersten Mal nach sechs Wochen Indien Montezumas Rache. Hätte ich doch bloß mal meine Klappe gehalten.

7 Antworten auf „Es kann nur noch besser werden“

  1. Oh Mann, Ihr Lieben! Wir sind beim Lesen richtig wütend mit Euch geworden, und ein BIßchen traurig, wer klaut denn aus einem Schrödinger?! Und auch sonst, puh, Indien ist wohl wirklich die allervollste aller Dröhnungen. Aber Ihr macht das schon, da sind wir uns sicher! Immerhin müsst Ihr kein Multivitamin-Malz-„Bier“ mehr trinken und Euch Phantomkater einbilden… 🙂 Wir drücken alle Daumen, dass ihr Euch doch noch mit Indien anfreundet, oder alternativ ohne weitere Pannen einfach wieder rausfahrt! Gruß und Kuss aus der Zivilisation – wo man (in unserem Fall nach 22.000 Kilometern) ganz vieles genießt, aber auch ganz vieles vermisst, also nicht verzagen, weiterreisen… 🙂 Tine & Momo.

    1. Leider ist für den Diebstahl natürlich niemand verantwortlich und die Polizei hier könnte man in der Pfeife rauchen, wenn es nicht verboten wäre. Aber natürlich lassen wir uns nicht unterkriegen und erkunden jetzt erstmal weiter Südindien. Wäre echt schön, wenn ihr auch dabei wäre. Hat Spaß gemacht mit euch!

  2. Respekt, was ihr macht. Wünschen euch alles Gute. Wir sind bei Freunden am Computer und haben eure Berichte gelesen mit Spannung. Macht weiter so und ois guade. Ham euch lieb bussi

    1. Hallo ihr Zwei, jetzt könnt ihr unsere Berichte ja auch bald auf eurem Smartphone lesen. :-)) Wir hoffen, es geht euch gut. Ganz liebe Grüße in die Heimat.

  3. Hallo ihr 2,
    haben endlich mal ein gutes, schnelles Wifi gefunden und uns bei euch eingelesen.
    Als wir mitbekommen haben, das Agonda kein Platz für Overlander mehr ist, waren auch wir enttäuscht! Es ist wohl eines der Ziele aller Overlander! Hat sich die Lage beruhigt? Dürfen wir Hoffnung haben??

    Einholen werden wir euch wohl nicht, sind gerade erst in Salalah angekommen. Den Oman solltet ihr ganz oben auf eurer Reiseliste schreiben! Es ist wunderschön!(Aber müllig ist es leider an den Stränden auch, ob ein Teil davon wohl aus Indien kommt?)
    Euch noch eine tolle Zeit dort und gute Besserung!
    Grüße von Perry & Ellen

    1. Namasté liebe Innowans,
      schön mal wieder von euch zu hören. Wir verfolgen euren Blog auch immer noch. Nach Agonda könnt ihr fahren. Wir waren fast drei Wochen dort. Allerdings ist der Platz übel vermüllt und am Wochenende fallen dort tausende indische Touristen ein, die gerne einen über den Durst trinken, noch mehr Müll machen und allerlei Schabernack anstellen (mal kurz aufs Auto schlagen, überall rumfummeln oder einfach in den Wohnraum gehen wollen). Wir haben das Auto an den Wochenenden eigentlich nie aus den Augen gelassen. Die Polizei hat den Platz zum rechtsfreien Raum erklärt, sollte was passieren. Dennoch hatten wir eine gute Zeit dort. Wir sind jetzt weiter Richtung Süden nach Kerala gefahren und wollen uns in den nächsten Wochen dann über Bengaluru und Hampi in den Norden rauf arbeiten.
      Nach Iran und V.A.E. war Indien erstmal ein Schock, aber wir gewöhnen uns langsam daran, obwohl das Fahren wirklich eine Herausforderung ist. Wir schaffen teilweise am Tag nur 100 km am Tag, wegen Verkehr und Straßenbedingungen.
      Wie sehen denn eure weiteren Pläne aus? Und wie geht es eigentlich Mia und Martin?
      Viele Grüße
      Micha und Michi

      1. salam alaikum!

        Wir dürfen bis ende März im Oman bleiben, dann zurück nach UAE und weiter über Iran, Pakistan auch nach Indien.
        Martin und Mia sind noch an der Sufouh-Beach, warten auf ihre Pässe um dann auch weiterzureisen. Wer weis, vielleicht treffen wir uns doch alle nochmal in Indien…

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