Phantomkater in Yazd

Mitten in einer kargen Wüstenlandschaft gelegen, empfängt einen die Stadt Yazd mit ihren Windtürmen und historischen Lehmhäusern wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht. Es ist abends und wir klettern in einem Restaurant ein paar Stufen empor, um es uns auf dem Dach gemütlich zu machen. Wir blicken auf die mit wunderschönen Mosaiken verzierte Moschee mit ihren fast 50 Meter hohen Türmen, schlürfen Schwarztee und den scheußlichsten Espresso, der uns auf der Reise bisher begegnet ist. Egal, die Aussicht und das Gefühl so richtig im Orient angekommen zu sein, sind einfach grandios!

Zu viel Tee im Silk Road Hotel

Am nächsten Tag erkunden wir die historische Altstadt und verlaufen uns prompt zwischen den braunen Lehmhäusern und Zisternen. In einer engen Gasse werden wir Zeuge klassischer iranischer Fahrkunst: Ein Taxi hat sich zu weit vor gewagt und steckt in einer schmalen Seitenstraße fest. Ein Polizist kommt vorbei und zusammen mit dem Fahrer versucht er, das Auto um die zu enge Ecke zu tragen. Als die beiden anfangen, erwartungsvoll in unsere Richtung zu schauen, machen wir uns schnell aus dem Staub. Zufällig kommen wir an einem über dreitausend Jahren alten (Zitat Michi: „Rial oder Toman?“ – Iran-Insider), unterirdischen Brunnen vorbei, den wir uns ansehen wollen. Zunächst schrecken uns die fünf Euro Eintrittspreis pro Person ab, doch nach eingehender Diskussion mit der Kassiererin sind 1,50 Euro auf einmal auch in Ordnung. Im Iran ist eben fast alles Verhandlungssache. Abends verschlägt es uns ins Silk Road Hotel, wo wir etwas essen und das WLAN nutzen wollen. Auf dem Hotelparkplatz entdecken wir einen VW Bus mit deutschem Kennzeichen. Im Restaurant treffen wir auf Dorothea und Basti. Sofort sitzen wir zusammen und schauen Fotos. Kurze Zeit später kommen noch Tine und Moritz, die ebenfalls mit ihrem VW Bus namens Knut unterwegs sind, und Backpacker Tommi hinzu. Bis in die späten Abendstunden sitzen wir zusammen, rauchen Shisha, spinnen „Overlander-Garn“ und lachen über Reisepannen.

Mit einem dicken Kopf und dem Gefühl, von einer Walze überfahren worden zu sein, wache ich am nächsten morgen auf. Das gibt´s doch gar nicht! Ich habe doch nur Tee getrunken. Draußen vor dem Auto höre ich Basti zu Michi sagen: „Sag mal, gehts dir auch so schlecht? Ich fühl mich total verkatert.“ Kaum zu glauben, irgendwie haben wir alle nach unserem lustigen Abend offenbar eine Art Phantomkater. Anders können wir uns dieses Phänomen nicht erklären. Offenbar sind unsere deutschen Körper darauf eingestellt, automatisch die Nachwehen eines geselligen Abends zu produzieren – Alkohol hin oder her. Zum Frühstück treffen wir uns wieder im Silk Road Hotel, wo uns ein unglaublich leckeres, iranisches Buffet für Sage und Schreibe zwei Euro pro Person erwartet.  Danach heißt es Abschied nehmen. Wir brechen auf Richtung Shiraz mit Iran´s Top-Attraktion „Persepolis“. Doch so leicht will uns Yazd nicht ziehen lassen: Erstmal spielen wir auf dem engen Parkplatz des Hotels iranisches Auto-Tetris. Wir sind komplett zugeparkt. Kaum haben wir uns frei gekämpft, erwartet und fünf Meter weiter schon das nächste Hindernis: Da eine Straßenseite völlig zugestellt ist, müssen wir uns auf der Seite mit den tief hängenden Stromleitungen vorbeiquälen. Seufzend zurre ich mein Kopftuch unschön fest und klettere auf Schrödingers Dach. Dort bete ich bei jeder Stromleitung, die ich hochheben muss, dass sie auch richtig isoliert ist.

Persepolis erreichen wir leider nie

Persepolis ist für uns rund zwei Tagesreisen entfernt. Abends suchen wir uns einen Schlafplatz abseits der Hauptstraße. Kaum angekommen, vernehmen wir ein verdächtiges Geräusch aus dem Motrorraum. Nicht schon wieder! Wir beschließen, doch lieber in der Nähe der Hauptstraße zu halten und richten uns neben einem Park ein. Gerade bin ich damit fertig, die frisch gewaschene Wäsche aufzuhängen, als eine Frau vorbei kommt und uns Kuchen schenkt. Sie hat zwei kleine Jungs dabei und einem ist deutlich anzumerken, dass wir wohl seinen Kuchen bekommen haben. Der kleine Mohammed ist darüber so ungehalten, dass er anfängt, unsere Wäsche mit einem dreckigen Stock zu traktieren und das Auto mit Steinen zu bewerfen. Völlig unbeeindruckt von der telefonierenden Mutter leistet Michi nachdrücklich ein wenig „Erziehungsarbeit“, bevor er wieder einmal in Schrödinger´s Motorraum verschwindet. Der Übeltäter ist schnell gefunden: Die Kraftstoffpumpe ist locker. Da es schon spät ist, beschließen wir, Persepolis Persepolis sein zu lassen und uns morgen um das Problem zu kümmern. Kann ja nicht so schwer sein, das Ding wieder fest zu bekommen!

Den nächsten Tag verbringt Michi mit Tüfteln. Die Diagnose steht schnell fest: Offenbar haben wir in der Wüste alle vier Schrauben, die die Kraftstoffpumpe festhalten sollen, verloren. Nun wackelt sie beim Anlassen so sehr, dass der Motor nicht genügend Sprit bekommt und mittlerweile kaum noch anspringt. Auch nach mehrmaligen Versuchen bekommt Michi die Pumpe leider nicht mehr fixiert, da wir natürlich genau diese Schrauben nicht dabei haben. Wie so oft im Iran steht plötzlich ein junger Mann neben uns. Er heißt Hossein und ruft sofort einen befreundeten Mechaniker an. Es ist Freitag (der iranische Sonntag) und so müssen wir noch eine Nacht auf dem Parkplatz verbringen, bevor wir mit dem Schrödinger am nächsten Morgen in die Werkstatt fahren können.

Wie verabredet, holt uns Hossein pünktlich am nächsten Morgen um acht Uhr ab und bringt uns mit unser provisorisch verzurrten Kraftstoffpumpe zur Werkstatt. Dort benötigt Besitzer Habib gerade ein mal zehn Minuten, um unsere Pumpe wieder festzuschrauben und verlangt dafür dann auch noch „stolze“ drei Euro! Erleichtert beschließen wir, uns direkt auf den Weg nach Bandar Abbas zu machen. Der Schrödinger hat eine ordentliche Wäsche dringend nötig und so halten wir bei der nächsten Waschgelegenheit an. Der Arbeiter dort nimmt seine Aufgabe sehr ernst und ich schnappe mir eine unserer Gasflaschen und versuche, sie in einem der Shops wieder auffüllen zu lassen. Unser Anschluss passt mal wieder nicht. Die Versuche der Männer im Gasshop werden so abenteuerlich, dass sogar die Iraner in Deckung gehen. Bevor etwas passiert, klemme ich mir mit ein paar entschuldigenden Gesten die Flasche wieder unter den Arm und ziehe unverrichteter Dinge von Dannen. Zwischenzeitlich hat Michi die Autowäsche geschenkt bekommen und wir suchen uns einen Schlafplatz in der wunderschönen Wüstenlandschaft. Wir sind weitab jeglicher Zivilisation und hoffen, wenigstens diesmal ein wenig Privatsphäre zu haben. So sehr wir die Iraner mögen, ist es auf Dauer doch ein wenig anstrengend, ständig Rede und Antwort zu unserer Reise stehen und Einladungen abwehren zu müssen.

Es ist dunkel geworden. Wir haben gegessen und sind gerade auf dem Weg ins Bett, als wir plötzlich Lichter sehen. Zwei Autos haben uns entdeckt. Eine Gruppe Männer steigt aus und redet wie wild auf uns ein. Wir verstehen nicht, was sie uns sagen wollen. Plötzlich zieht einer ein großes Messer. Mir rutscht das Herz in die Hose. Oh Gott! Er fuchtelt mit dem Messer herum und hält es sich selbst an die Kehle. Wir verstehen: Er will uns sagen, dass der Platz nicht sicher sei und wir lieber zu ihnen Nachhause kommen sollen. Stattdessen ziehen wir es vor, uns einen anderen Platz zu suchen und stellen uns neben die Hauptstraße an einen Friedhof. Kaum sind wir im Bett, sehen wir Blaulicht. Was ist denn jetzt schon wieder? Jemand hat offensichtlich die Polizei gerufen, die uns nun höflich auffordert, zu folgen. Die Polizisten bringen uns zu einem Park, an dem sie uns im Auge haben und beschützen können. Erschöpft sinken wir gegen Mitternacht endlich in die Kissen. Morgen Abend werden wir Bandar Abbas erreichen und dann hoffentlich schnell nach Dubai übersetzen können. Iran ist schön. Die Menschen sind toll. Aber Iran ist auch anstrengend und wir hoffen, in Dubai eine Reisepause einlegen zu können, um endlich wieder ein wenig Privatsphäre zu bekommen. Zum Glück wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was bei der Verschiffung von Bandar Abbas nach Dubai noch Alles auf uns zu kommen wird.

2 Antworten auf „Phantomkater in Yazd“

  1. Mann, sind wir neidisch! Wir wünschen euch alles Gute und dass nicht alles klappt – sonst wäre es ja kein Abenteuer 😉

    Vielleicht sehen wir uns wieder bei Pritz Globetrottertreffen – dann könnt ihr erzählen. Falls ihr Hilfe braucht, schreibt uns einfach!

    Macht´s gut!

    Peter und Beate

    1. Hey ihr Zwei! Wir freuen uns grad total, dass ihr unsere Reise mitverfolgt. Erzählen könnten wir stundenlang. Der Blog ist nur ein kleiner Auszug, so viel kann man gar nicht schreiben. Und das mit dem „Nicht-Klappen“ haben wir auch schon ziemlich gut drauf. Aber man wird mit jedem Kilometer entspannter. Ihr kennt das sicher. Zum Globetrottertreffen wollen wir auf jeden Fall wieder. Wenn´s gut läuft, dann aber erst wieder 2017. Viele Grüße aus Sri Lanka!

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