Seltsames Kurdistan

Bei unseren Reisevorbereitungen haben wir für die Türkei gut vier Wochen eingeplant. Damals hielt ich das für zu lange. Was sollten wir denn bitte vier Wochen in diesem Land wollen? Jetzt aber sind wir doch glatt ein wenig in Verzug gekommen. Bei Regen brechen wir unsere Zelte im schönen Ekincik ab und machen uns auf die lange Fahrt zum schwarzen Meer. Und es wird eine sehr lange Fahrt. Da wir uns möglichst weit von den durch das Auswärtige Amt als kritisch eingestuften Gebieten im Südosten der Türkei fern halten wollen, führt uns die Route von Dalyan aus fast 2.000 Kilometer zuerst nach Norden, vorbei an Ankara, entlang der Küste und wieder ins Landesinnere bis in die Grenzstadt Dogubayazit.

Sechs Tage „on the road“

Am Tag unsere Abreise wache ich morgens auf – und habe Halsschmerzen. Na toll! Und das ausgerechnet jetzt, wo gut eine Woche nur Fahrerei vor uns liegt. Gleich am ersten Abend gestaltet sich die Schlafplatzssuche äußerst schwierig. Wir fahren nach acht Stunden Fahrt auf ein Feld und stellen fest: Wir stehen mitten in einem Misthaufen. Mir ist das eigentlich fast schon egal, denn mittlerweile hat mich die Erkältung fest im Griff und ich rieche kaum noch etwas. Doch Michi ist wenig begeistert und so ziehen wir auf ein anderes Feld um. Es dauert nicht lange, da kommen auch schon zwei Männer an und geben uns mit Händen und Füßen zu verstehen, dass wir hier besser nicht bleiben sollten. Der eine Mann erzählt etwas von einem bösen Bauern, formt mit seiner Hand eine Pistole, zielt auf uns und drückt ab. Wir suchen schnell das Weite. Später einigen wir uns darauf, dass er uns sicher nur sagen wollte, dass in der Gegend gerade Jagdsaison ist und wir einfach etwas ungünstig standen. Wir fahren in das nächstgelegene Dorf und finden in der Nähe einer Fabrik einen Schotterparkplatz. Während wir beim Essen sitzen, kommt auch schon ein Polizeiauto mit Blaulicht vorgefahren. Nicht schon wieder! Draußen stehen zwei Beamte mit einem aufgebrachten alten Mann. Nach einigem Hin und Her verstehen wir, dass wir offensichtlich mitten im Garten des alten Herren geparkt haben. Da wir mittlerweile einfach nur noch unsere Ruhe haben wollen, fahren wir bis zur nächsten Tankstelle an der Hauptstraße. Zum Glück ist auf der Straße wenig los und es ist halbwegs ruhig, Wir gönnen uns zum Einschlafen noch einen Film, als plötzlich draußen der Strom ausfällt. Ich mache noch Witze darüber, dass wir nun weit und breit, die einzigen mit einem Abendprogramm sind, als vor dem Schrödinger plötzlich ein lautes Getöse losbricht und alle Lichter der Tankstelle wieder anspringen – wir haben direkt neben dem Notstromgenerator geparkt!

In Ostanatolien erwarten uns wunderschöne Berge und Täler

Auch die nächsten Tage verbringen wir ausschließlich mit Fahren. Michi sitzt die ganze Zeit hinterm Steuer, während ich auf dem Beifahrersitz vor mich hin kränkle. Was würde ich gerade alles für eine Couch, eine Decke und einen Fernseher in genau dieser Kombination geben! Zu allem Überfluss regnet es auch noch die ganze Zeit. Ab Trabzon fahren wir wieder ins Landesinnere und entscheiden uns dafür, die gut ausgebaute Landstraße zu verlassen, um doch noch ein wenig von der schönen Natur Ostanatoliens zu sehen zu bekommen. Und wir werden fürstlich belohnt! Wir fahren durch zerklüftete Felsen, vorbei an ärmlichen Bergdörfern, Ziegenhirten und weitläufigen Wiesen. Neben uns schlängelt sich ein wilder, brauner Fluss entlang der Fahrbahn. Immer wieder bleiben wir stehen, um Fotos zu machen oder einfach nur, um den Augenblick Ruhe zu genießen.

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Dogubayazit – die ehemalige Schmugglerstadt an der Grenze zum Iran

Dogubayazit empfängt uns mit viel Regen, Tristesse und Matsch. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so eine schmutzige, chaotische und von fürchterlichen Schlagköchern verunstaltete Stadt gesehen! An dieser Stelle möchte ich mich übrigens bei den albanischen Straßen entschuldigen, dass ich mich in einem früheren Artikel über ihre „leichten Unebenheiten“ beschwert habe. Ich nehme alles zurück! Wir wühlen uns durch den Schlamm und die engen Gassen und erreichen gegen Abend den berüchtigten Overlander Campingplatz von Murat. Eigentlich ist der Platz wunderschön gelegen – direkt am Fuße des Ishac Pascha Palastes. Doch dieser verschwindet leider gänzlich im Nebel. Auf dem Parkplatz stehen bereits Horst und Brigitte mit ihrem Unimog. Sie sind schon seit ein paar Tagen hier und wollen am nächsten Tag weiter in den Iran ziehen. Wir jedoch bleiben erst mal ein paar Tage, bis ich mich wieder von meiner Erkältung erholt habe.

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Dogubayazit ist eine weitläufige, ehemalige kurdische Schmugglerstadt, ca. 40 Kilometer vor der iranischen Grenze, in der es nicht immer unbedingt friedlich zu geht. Im August starben bei einem Anschlag auf das nicht weit vom Campingplatz entfernt gelegene Militärgelände drei Menschen. Und auch Horst und Brigitte berichten uns von Schüssen, die nachts gehört haben wollen. Ein wenig mulmig ist mir schon, aber Murat versichert uns, dass sein Platz hier sicher sei. Was soll er auch sonst sagen? Zwei Tage lang ruhen wir uns im Schrödinger aus, bevor wir uns in die Stadt zum Einkaufen wagen. Ein Erlebnis, das wir nicht unbedingt wiederholen müssen: Nach zehn Minuten sind wir komplett verdreckt und genervt. Die Männer in den Geschäften sind sehr freundlich. Im Supermarkt bekommen wir vom Besitzer Cola und Schokoriegel geschenkt, in der Apotheke werden wir auf einen Tee eingeladen. Doch auf den Straßen werden wir unverhohlen angestarrt und Kinder bewerfen unser Auto mit Gemüse.

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Die Kinder von Dogubayazit sind mir unheimlich

Am Tag darauf haben wir Glück und die Sonne zeigt uns doch noch die schöneren Seiten dieser bergigen Region. Wir möchten ein wenig die Gegend erkunden und den mit über 5.000 Metern höchsten Berg der Türkei, den Ararat, sehen. Wir fahren an einer Gruppe Kinder vorbei, die uns plötzlich mit Steinen bewirft. Wir sind fassungslos! Warum machen die das? Überhaupt sind mir die Kinder hier in Dogubayazit mehr als unheimlich. Kaum haben wir einen schönen Platz mit Blick auf den Ararat gefunden, kommt uns auch schon eine Gruppe Jungs entgegen. Zuerst sind sie nett, kichern viel und lassen sich mit uns fotografieren. Doch als wir aufbrechen wollen, greifen auch sie zu den Steinen. Als dann auch noch zwei riesige Hunde auf mich los stürmen und mich anknurren, haben wir endgültig genug und ziehen uns wieder auf den Campingplatz zurück. Dort erwartet uns noch eine Flasche Champagner, die wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben und die wir unbedingt noch vor unserer Einreise in den Iran loswerden „müssen“. Die kommt jetzt genau richtig und vertreibt sicher auch noch das letzte bisschen Husten! Wir wandern zum Ishac Pascha Palast, stoßen auf unsere Reise an und genießen die wirklich wunderschöne Aussicht. Morgen wollen wir uns über die Grenze in den Iran wagen. Wir sind aufgeregt und hoffen, dass wir uns dort wieder wohler und willkommener fühlen können, als im seltsamen Kurdistan.

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8 Antworten auf „Seltsames Kurdistan“

  1. Immer wieder sehr spannend, eure Reise mitzulesen. Tauschen möchte ich trotzdem grad nicht – bin ganz froh, dass hier niemand nach mir mit Steinen wirft 😉

  2. Guten morgen Süße, wir wünschen dir von ganzen Herzen alles liebe und gute zum Geburtstag!
    Hoffen euch beiden geht es gut und dein Schatz verwöhnt dich heute.

    Liebe grüße aus Bayern
    Heidi und Michael

  3. Kinder, die mit Gemüse und Steinen werfen… Ich hätte ja glatt die Champagnerflasche zurück geworfen. Ätsch und autsch.
    Ein echtes Abenteuer ist eure Reise, dabei habe ich längst noch nicht alle Artikel gelesen. Ich hoffe, dass es weiterhin spannend bleibt und euch solche und schlimmere Lausbuben nicht das Leben schwer machen.
    Viele Grüße aus Benztown!

  4. Warum Euch die Kinder mt Steinen bewarfen?
    LOL…
    1. Bei Nomaden wird man von Mama mit einem Steinwurf zum Essen „gerufen“
    2. Sie wollen Euch einfach SEHEN- durchbrausende , quasi „flüchtende“ Staubaufwirbler die die Dörfer nur als „Dreck“ sehen sind nicht sehr beliebt.
    3. Lösung: Seit 30 Jahren hab ich mir angewöhnt, einfach ANZUHALTEN HINZUGEHEN und wenigstens einen Apfel mit denen teilen.
    GENERELL sollen Europäer endlich mal lernen, Menschen durch ANSPRACHE und SICH ZEIGEN Respekt als Individuum entgegenbringen.
    NIEMAND in „solchen“ Ländern wird Euch , NACH Kontaktaqufnahme, jemals etwas tun.
    Natürlich sind Bergvölker immer etwas „feindseliger“- der „Schutzmechanismus“ ist einfach grösser.
    Mit strengem Zeitplan sind solche Erfahrungen nicht zu vermeiden-
    Ladet doch mal diese Kinder aufn Tee am Womo ein.
    Tip2:
    Als Moppedfahrer nahm ich IMMER meinen Helm ab, wenns durch Dorfgegenden“ ging—-
    immer SichtTBAR sein!

    1. Hallo Tahar,

      Danke für deinen Kommentar. Wir bewundern deine Abenteuerlust. Niemals würden wir in irgendwelchen Dörfern anhalten oder mit Einheimischen sprechen. Auch essen wir nur in Restaurants, in denen wir unser Schnitzel und unsere Currywurst bekommen. Vom Schwein versteht sich…

      Wie du sicher gelesen und auf den Fotos gesehen hast, haben wir uns mit den Jungs unterhalten und gut verstanden. Genau deswegen hat es uns sehr verwundert, dass sie danach unser Zuhause mit Steinen bewerfen wollten. Ein paar der Jungs war das Verhalten ihrer Freunde auch sichtlich unangenehm.

      Auch verstehen wir nicht, wie du darauf kommst, dass wir Dörfer nur wie Dreck sehen und die Menschen nicht respektieren. Selbst wenn man sehr lange und sehr langsam reist, kann man nicht in jedem Dorf Halt machen, das geht sicherlich auch dir so. Und es gibt auch niemandem das Recht, anderer Menschen Eigentum mutwillig zu beschädigen. Im Übrigen haben uns die anderen Kinder auf der Schnellstraße zur iranischen Grenze mit Steinen beworfen.

      In den fast drei Monaten, in denen wir bisher unterwegs sind, ist es uns auch nie wieder passiert. Wir hoffen, das bleibt so!

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